VIII_2017 | Die Familiengeschichten Wihl, Goldstein und Schwarz | Bogenstr. 73

Foto Edgar = Heinz Jürgen Goldstein als Heizer im Lager Westerbork, Aufnahme von Rudolf Breslauer 1943/44 mit freundlicher Genehmigung des Archivs im Erinnerungszentrum Kamp Westerbork

Am 16. Februar 2016 wurden in der Bogenstraße Steine für Friedrich Wihl, Erna Goldstein geborene Wihl, Alfred und Edgar Goldstein verlegt. Das Haus Bogenstraße 73 war in den 1930er Jahren im Besitz der Familie Wihl. Genauer gesagt, gehörte es der Witwe Wilhelmine Wihl, geb. Leyser (1856 - 1938).

Es war das Elternhaus ihrer fünf Kinder

Hedwig verheiratete Schwarz (1879 – 1943 Auschwitz),

Emil (1881 - 1942),

Thekla verheiratete Scheuer (1884 - 1962),

Friedrich-Josef (1889 – 1942 Kulmhof) und

Erna Wihl verheiratete Goldstein (1892 - 1956).

Erna Goldstein, geb. Wihl lebte dort mit ihrem Mann Alfred Goldstein (1889) und dem am 8. Juni 1922 geborenem Sohn Edgar. 1935 muss Alfred Goldstein sich unvorsichtig geäußert haben und/oder denunziert worden sein, jedenfalls wurde ihm „Heimtücke“ vorgeworfen. Da das seinerzeit als politische Straftat galt, brachte er sich über die Grenze in die Niederlande in Sicherheit. Frau und Sohn folgten ihm. Die ganze Familie wurde 1939 aus dem Deutschen Reich ausgebürgert.

Derweil starb Wilhelmine Wihl 1938 – mit 82 Jahren – einen natürlichen Tod. In der Bogenstraße wohnte noch der zweite Sohn Friedrich-Josef. Er war als Soldat im Ersten Weltkrieg schwer verwundet worden, vielleicht ein Grund, warum er ledig blieb. Die Schwerbehinderung wurde mit 70 % anerkannt und er bezog deswegen eine kleine Rente. Als Beruf wurde auf der Meldekarte „Metzgergeselle“ notiert. Trotz seiner Kriegsverletzung gehörte Friedrich-Josef Wihl zu den ersten Juden, die aus Krefeld deportiert wurden. Da Lodsch („Litzmannstadt“) in das Deutsche Reich eingegliedert war, gehörte auch das von den Deutschen eingerichtete Ghetto zum Deutschen Reich. Da er also Deutschland nicht verließ, hatte nach der Logik der Verwaltung der kriegsversehrte Herr Wihl weiter Anspruch auf seine Rentenzahlung – bis er am 8. Mai 1942 in Kulmhof (Chelmno) vergast wurde.

Was das Schicksal der Familie Goldstein angeht, so hat sich durch einen überraschenden Besuch von Familienmitgliedern aus den USA das Wissen im Juli 2017 ganz wesentlich erweitert. Aus den Dokumenten, die Larry Goldstein, der Sohn von Edgar (später Heinz Jürgen noch später Harry George), und seine Frau mitbrachten, ging hervor, dass der Großvater Alfred Goldstein in Venlo eine chemische Fabrik eröffnet hatte, die er „Goldis“ nannte. Schon bald reichte der Platz in Venlo nicht mehr. Fabrik und Familie siedelten nach Hilversum um. Hier wurden sie von dem Einmarsch der Deutschen überrascht und am 19. Januar 1942 in dem zentralen Flüchtlingslager Westerbork interniert. Als die Goldsteins ankamen, wurde gerade die Zahl der Unterkünfte erweitert. Sie hatten Glück im Unglück und wenigstens eine halbwegs hinlängliche Unterbringung. Die Goldsteins arbeiteten im Lager. Von Edgar, der inzwischen in Heinz Jürgen umbenannt worden war, ist sogar aus der Phase 1943/1944 ein Foto erhalten, das ihn als Heizer im Kesselhaus des Lagers zeigt. Er posiert als muskulöser junger Mann - ganz im Gegensatz zu den  antisemitischen Stereotypen.

Aufgenommen wurde es von dem jüdischen Fotografen Rudolf Breslauer im Auftrag des Lagerkommandanten SS-Obersturmführer Albert Konrad Gemmeker. Das Fotoalbum ist als Dokument erhalten. Über den Zweck wird in der Wissenschaft gerätselt. Gemmekers Hauptaufgabe war es die Deportationen aus Westerbork in die Vernichtungslager Sobibor und Auschwitz so reibungslos wie möglich ablaufen zu lassen. Da mag der Anschein eines “normalen” Lebens im Lager hilfreich gewesen sein. Aber wozu ein Album?

Nach zwei Jahren im Lager zählten die Goldsteins zur deutsch-jüdischen „Lagerprominenz“. Aber auch sie konnten sich nicht dauerhaft vor einer Deportation schützen. Der Zielort ihrer Deportation am 13. März 1944 war jedoch das Konzentrationslager Bergen-Belsen und nicht das Vernichtungslager Sobibor. Das bedeutet, dass sie möglicherweise eine gewisse Protektion genossen. Die Goldsteins gehörten zu den sogenannten Austauschjuden, die gegen deutsche Internierte im Ausland ausgetauscht werden sollten. Ihre Lebensbedingungen in Bergen –Belsen verschlechterten sich allerdings zusehends. Alfred Goldstein starb dort am 24. Dezember 1944. In der Familie erzählte man sich, dass es gelungen war, zusätzliches Essen zu organisieren – vielleicht aus einer Weihnachtsration. Sein Körper soll so ausgezehrt gewesen sein, dass er an einem Hungerödem litt. Das Essen war unter diesen Umständen zu viel und sein Kreislauf brach zusammen.

Die rund 7.000 Austauschjuden von Bergen-Belsen wurden zwischen dem 6. und 11. April 1945 mit drei Transportzügen in Richtung Theresienstadt verschickt. Die nationalsozialistische Regierung wollte sie als „Verhandlungsmasse“ behalten. Erna und Heinz Jürgen Goldstein waren in dem dritten, dem „verlorenen“ Zug, der vierzehn Tage lang durch Deutschland irrte, bis er bei der Gemeinde Tröbitz etwa 60 Kilometer von Dresden entfernt, stehen blieb. Die Insassen wurden am 23. April 1945 von der Roten Armee befreit. Neben den Überlebenden befanden sich 320 Tote.

Erna und Heinz Jürgen hatten sich mit Fleckfieber infiziert. Die Krankheit konnte damals noch nicht wirksam therapiert werden, da es in der Sowjetunion noch keine Antibiotika gab. Heinz Jürgen bekam als Folgeerkrankung eine Herzmuskelentzündung, von der er sich niemals wirklich erholte. Erna Goldstein war von einem SS-Mann so grob gestoßen worden, dass eine Brust amputiert werden musste. An den Folgen der OP litt sie ihr restliches Leben lang. Nur sehr langsam kamen sie zurück in einen Alltag. Sie entschieden gemeinsam in die USA auszuwandern. Im Dezember 1949 kamen sie in New York an.

Heinz Jürgen, nun Harry George, ging in New York noch einmal zur Schule. Im Englischkurs für Ausländer lernte er eine junge Jüdin aus Ungarn kennen. Miriam Roth hatte Auschwitz überlebt – im Gegensatz zum größeren Teil ihrer Familie.

Die beiden zogen nach Los Angeles, die Mutter blieb immer in der Nähe. Sie heirateten. Im November 1953 wurde Tochter Elisabeth Joy (Lisa) Goldstein geboren. Erna Goldstein starb am 10. August 1956 und lernte ihren Enkel Larry, der 1957 geboren wurde, nicht mehr kennen. Auch Harry wurde nicht sehr alt. Er starb am 24. Mai 1974 in Los Angeles an Herzversagen.

Elisabeth-Lisa wurde Schriftstellerin und flocht das Erleben der ungarischen Seite der Familiengeschichte in ihren ersten Roman “Der Rabbi und der Magier. Ein Märchenroman aus der Zeit des Holocausts” ein. Diese deutsche Ausgabe erschien 1985.

Thekla Scheuer geb. Wihl war die einzige aus der großen Familie, die nach dem Krieg dauerhaft nach Krefeld zurückkehrte. Sie hatte das Lager Theresienstadt überlebt und zog wieder in ihr Elternhaus ein. 1945 war Thekla Scheuer  61 Jahre alt. Ihren Mann Nathan Scheurer hatte sie am 13. Februar 1944 in Theresienstadt  verloren. Ihre Kinder lebten in Mexiko und in den USA (Kalifornien).

Das Haus an der Bogenstraße war seit 1942 vom Finanzamt verwaltet worden. Die Auseinandersetzung um die Rückgabe dauerten bis 1955 und endeten damit, dass Thekla Scheuer, die nicht nur ihren Mann, sondern auch zwei ihrer vier Geschwister  durch den Judenmord verloren hatte, dem Finanzamt in monatlichen Raten Geld zurückzahlen musste, das angeblich für wertsteigernde Ausgaben verbraucht worden war.

Thekla Scheuer starb 1962 und ist neben ihren Eltern auf dem neuen jüdischen Friedhof bestattet worden.

Für Nathan Scheuer ist in Bonn-Beul ein Stolperstein verlegt worden. Im Gegensatz zu Krefeld, wo Steine für Ehegatten und Kinder mitverlegt werden, hat er den einzigen Stolperstein an dieser Stelle.

Zu weiteren Familienmitgliedern:

Hedwig Wihl hatte 1903 nach Dortmund geheiratet. Ihr Mann war der Metzgereiartikelhändler Albert Schwarz (1875 – 1943). Er arbeitete in einem Geschäft des Krefelder Unternehmens Kamp, weil er über seine Mutter verwandtschaftliche Bindungen zur Familie Kamp hatte. Im Zuge des Novemberpogroms war Albert Schwarz in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt worden. Nach seiner Entlassung flohen die Eheleute Schwarz in die Niederlande. Ihre Tochter Herta (1903) hatte nach Brüssel geheiratet und lebte in Belgien. Der Sohn Heinz (1913) war 1938 mit seiner Frau illegal nach Palästina eingereist.

Zunächst kamen Hedwig und Albert Schwarz bei einem Neffen Alberts in Sittard unter. Er hieß Philip Silbernberg (mehr in dem Kinderbuch von Herman Silbernberg, Jochie... je Moet Er Trots Op Zijn. Spelend De Oorlog Door, Laren 1995). Nachdem diese Familie untergetaucht war, zogen Hedwig und Albert Schwarz in das Haus des Gemeindevorstehers Herman Wolff. Dort fanden sie jedoch nicht den erhofften Schutz vor Verfolgung. Sie wurden in April 1943 in das Konzentrationslager Vught gebracht und über das Sammellager Westerbork am 16. November 1943 nach Auschwitz deportiert. Beide starben am 19. November 1943 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.

Für Albert und Hedwig Schwarz wurden am 8. November 2014 Stolpersteine im niederländischen Sittard – Geleen gelegt.

Weitere Informationen siehe www.stolpersteinesittardgeleen.nl/default.aspx 

und seltene Filmaufnahmen einer Bar Mitzwah im April/Mai 1942 bei www.youtube.com/watch;

Emil Wihl starb am 15. Februar 1942 in Köln-Ehrenfeld. Er gilt nicht als Opfer der Verfolgung, obwohl sein Todeszeitpunkt zwischen den großen Deportationen aus Köln liegt.

 

Dr. Ingrid Schupetta

Krefeld, 21. Juli 2017

V_2017 | Diverse Stolpersteine | Verlegt am 8. Mai 2017

Bahnhofstr. 48 – Familien Herz und Coppel 
In diesem Haus wohnte das Ehepaar Salomon und Anna Herz geborene Kaufmann. Das Paar bekam sechs Kinder. Als die Verfolgung durch die Nationalsozialisten begann, war Anna Herz bereits Witwe. Ihr Mann Salomon war 1929 gestorben. Im Haus lebte nur noch ein Teil der bereits erwachsenen und verheirateten Kinder: Hermann (Jg. 1899) mit Elisabeth geborene Katz (Jg. 1902), Antonie Coppel geboren Herz (Jg. 1903) und ihr Mann Alfred (1909), sowie Hedwig Herz (Jg. 1919). 
Anna Herz (Jg. 1873) hatte von ihrem Mann Salomon einen Metallbetrieb auf der Niederstr. 129 und die Wohnhäuser Bahnhofstraße 44 und 48 geerbt. Das Unternehmen wurde 1939 liquidiert, die Häuser an die Firma Holtz & Willemsen verkauft. Anna Hertz musste Uerdingen verlassen. Ihre Anschrift in Krefeld war ab April 1939 Oelschlägerstr. 63. Im Juli 1941 folgte ein erzwungener Umzug in das Judenhaus Peterstr. 30 a, im November in das Judenhaus Westwall 50. Als letzte der Familie wurde sie von dem „Altentransport“ im Juli 1942 nach Theresienstadt erfasst. Dort lebte sie nur wenige Monate unter unsäglichen Bedingungen. Im September 1942 folgte der Transport in das Vernichtungslager Treblinka, wo sie wahrscheinlich kurze Zeit nach der Ankunft vergast wurde. 
Hermann Herz, der älteste Sohn, war zur Hälfte Mitinhaber der Maschinenbaufirma Firma Overbeck und & Co., Eupener Straße 167 (Nauenweg 31), und lebte mit seiner Frau Elisabeth in seinem Elternhaus. Elisabeth war von Beruf Stenotypistin. Das Ehepaar machte die ersten Umzüge von Anna Herz mit, wurde aber schon im April 1942 nach Izbica deportiert. Dort verliert sich die Spur, so dass man nicht sagen kann, ob Hermann und Elisabeth Herz vor Ort oder in den Vernichtungslagern Belzec oder Sobibor ermordet worden sind. 

Antonie Herz war Gärtnerin und hatte einen Gartenbaubetrieb in Hohenbudberg, Duisburger Str. 249. Die Blumen verkaufte die Gärtnerei Herz unter anderem auf dem Uerdinger Wochenmarkt. Im April 1938 kam es hier zu einer privaten Boykottaktion eines 21-jährigen HJ-Fähnleinführers. Die Aktion führte dazu, dass der Marktstand abgebaut werden musste. Im September 1938 heiratete Antonie Herz ihren Angestellten Alfred Coppel. Die Gärtnerei wurde zwangsweise an Josef Grosse-Brockhof verkauft. Mit dem Rest der Familie musste das Ehepaar Coppel 1939 Uerdingen verlassen. Von der Petersstraße 30a aus wurden die beiden 1941 mit der ersten Deportation aus Krefeld nach Lodsch verschleppt. Sie überlebten dort bis zur Auflösung des Ghettos 1944 und überstanden eine weitere Deportation nach Auschwitz. Vom KZ Auschwitz ging es für Antonie Coppel weiter in das KZ Stutthof. Sie starb am 1. Dezember 1944 in Stutthof. Auch für Alfred Coppel ging es noch weiter. Man zwang man ihn in das Außenlager des Konzentrationslager Dachau Kaufbeuren-Riederloh, wo er am 15. Dezember 1941 starb. 

Hedwig Herz war das Nesthäkchen in der Familie. Bis zum Mai 1933 besuchte sie das heutige Ricarda-Huch-Gymnasium. Im Februar 1939 gelang ihr die Emigration nach Großbritannien. Wahrscheinlich hatte sie dabei die Unterstützung ihrer älteren Schwester Babette, die schon 1933 nach England ausgewandert war, weil man ihr in Deutschland die Zulassung als Ärztin verweigert hatte. 

Niederstraße 38 – Familie Goldschmidt 
Unter dieser Anschrift war das Ehepaar Hermann Goldschmidt und Jeanette Goldschmidt geborene Leven gemeldet. Hermann war 1870 in Oedt geboren und Kaufmann von Beruf. In Uerdingen war er Besitzer der Firma S. Leven, Großhandel für Metzgereibedarf. Das Ehepaar hatte eine Tochter, Karoline. Sie heiratete 1927 einen Sohn der Familie Horn und lebte mit ihm bis zur gemeinsamen Auswanderung im Februar 1939 in Erfurt. Die Familie Horn emigrierte in die USA. Mit Bekanntgabe auf der Liste 226 wurden unter den Nummern 66 bis 69 Alfred, Karoline, Günter und Manfred Horn aus dem Deutschen Reich ausgebürgert. 

Über Jeanette, die 1866 in Uerdingen geboren wurde, wissen wir nicht viel. Als sie das Novemberpogrom 1938 in Uerdingen miterleben musste, war sie schon 72 Jahre alt. Das Geschäft hatte ihr Mann aufgeben müssen. Mit den Repressalien gegen die Juden gab es nahezu jeden Tag neue Erschütterungen und dann wanderte auch noch das einzige Kind samt Familie nach Amerika aus. Möglicherweise war die Aufregung zu viel für Jeanette Goldschmidt. Sie starb am 22. Oktober 1939 in Krefeld und konnte noch auf dem neuen jüdischen Friedhof beerdigt werden. Auf ihrem Grab befindet sich ein schlichter Stein mit einem Davidstern. 

Der Witwer Hermann Goldschmidt musste Uerdingen verlassen und in die Breite Str. 15, ein „Judenhaus“, umziehen. Als Datum ist auf der Meldekarte der 6. Juni 1942 vermerkt. Schon knapp zwei Monate später - im Alter von 72 Jahren - wurde er nach Theresienstadt  deportiert. Er starb dort am 16. Dezember 1943.

Hohenzollernstr. 79 – Familie Müller 
Der Krefelder Krawattenfabrikant Rudolf Müller erbaute im Jahr 1928 das Wohnhaus Hohenzollernstraße 79. Rudolf Müller war 1868 in Windesheim bei Bad Kreuznach geboren worden und im Erwachsenenalter nach Krefeld zugezogen. Hier gründete er 1901 die Krawattenfabrik Gebrüder Müller. Ab 1920 ist der Standort Steinstraße 76 im Krefelder Adressbuch bezeugt. Er konnte das Unternehmen beträchtlich ausbauen, so dass es selbst nach der Halbierung der Umsätze der jüdischen Firma in der NS-Zeit 1938 noch 80 Mitarbeiterinnen und ebenso viele Heimarbeiterinnen beschäftigte. 

Seine Ehefrau Sophie Hirsch (Jg. 1887) stammte aus Wiesbaden. Ihre beiden Söhne Kurt und Leopold wurden 1902 beziehungsweise 1905 in Krefeld geboren. Kurt wurde Kaufmann und stieg in das Krawattengeschäft ein. 1939 heiratete Kurt seine Freundin Edith Goldschmidt und floh mit ihr im Juni desselben Jahres nach Großbritannien und später in die USA. Er nannte sich fortan Ralph K. Miller. Das war häufig eine Vorsichtsmaßnahme für Militärangehörige, damit sie eine deutsch/jüdische Herkunft besser verbergen konnten. 

Von Leopold Müller, dem jüngeren Sohn, wissen wir, dass er Schüler des Realgymnasiums am Moltkeplatz war. Er machte gerne Sport und war ein hervorragender Läufer. Tennis konnte er nur in einem jüdischen Klub spielen, weil er als Jude in keinem anderen aufgenommen wurde. Auch Leopold wurde Kaufmann und war ebenfalls in der elterlichen Firma tätig. Er wanderte 1937 in die Niederlande aus, weil er in Deutschland keine Zukunft für sich sah. 

Nach der deutschen Invasion der Niederlande floh er über Belgien und Frankreich in die Schweiz, wo er Freunde hatte. Als Ausländer wurde er in der Schweiz interniert, bevor er eine Aufenthaltsgenehmigung bekam. Leopold Müller wanderte in die USA aus und nannte sich Eric L. Miller. Er lebte in Weslaco, Texas, sehr nah an der Grenze zu Mexico. 
Ein Jahr nach ihrem Enkel wanderte die Mutter von Sophie Müller, Johanna Hirsch, in die Niederlande aus. Die Witwe von Leopold Hirsch war damals 86 Jahre alt und hatte bislang im Haus ihrer Tochter und des Schwiegersohns gewohnt. Ihre neue Heimat war ein Häuschen in Bussum nördlich von Hilversum, das sie gemeinsam mit zwei etwas jüngeren Frauen bewohnte. Die Flucht in die Niederlande und ihr hohes Alter ersparten ihr 1943 nicht die Internierung im Lager Westerbork. Sie starb dort am 7. Mai 1943 im Alter von 91 Jahren. Ihre Urne wurde auf dem jüdischen Friedhof in Diemen (NL) beigesetzt. 

Doch zurück zu Rudolf und Sophie Müller. Sie erlebten wenige Monate später das Novemberpogrom 1938 in ihrem Haus. Die Verheerungen waren beträchtlich: Möbel waren durch die Fenster geworfen worden, das Geschirr zertrümmert und Gemälde zerschnitten. Eine Hausangestellte erinnerte sich später an das Anrücken der SA auf der Hohenzollernstraße und an das Aufsammeln der Besteck- und Silberbestände im Garten des Hauses nach deren Abzug. 

Die Krawattenfabrik an der Steinstraße 76 musste zwangsweise verkauft werden. Zunächst übernahmen die Prokuristen und ein Kapitalgeber. 1940 wurde die Firma samt Immobilie weiter verkauft und produzierte nun statt Krawatten Textilien für die Wehrmacht. Von dem Geld, das da wanderte, sahen die ursprünglichen Verkäufer nichts. Erst als die Söhne der Müllers bereits ihrerseits Pensionäre waren, erreichten sie 1963 eine finanzielle Entschädigung für diesen Vorgang. 
Im August 1939 konnten Rudolf und Sophie Müller in die Niederlande fliehen. Ihr Haus an der Hohenzollernstraße hatten sie verkaufen müssen. Auch nach diesem Verkauf bekamen sie kein Geld ausgehändigt. Der Käufer, ein ehemaliger Konkurrent, konnte sich einer repräsentativen Immobilie erfreuen, die ohne die Judenverfolgung nicht auf den Markt gekommen wäre. Zusätzlich musste das Ehepaar Müller Abgaben wie die Judenvermögensabgabe und die Reichsfluchtsteuer zahlen. Rudolf Müller rechnete 1939 zusammen: mit 160.525,50 RM Steuern, Abgaben und sonstigem Raub hatte der Staat sein Vermögen nahezu abgeschöpft. Sohn Leopold holte seine Eltern auf dem Bahnhof Nimwegen ab und brachte sie bei sich in Rotterdam unter. Ihr Barvermögen belief sich nun auf die 10 RM, die sie als Devisen mitnehmen durften. 

Die deutsche Invasion im Mai 1941 bekamen die Müllers schon in den ersten Tagen zu spüren. Wehrmachtssoldaten durchsuchten die Wohnung des „Juden Müller“ nach Waffen. Weil Juden nicht in der Küstenregion wohnen durften, mussten sie von Rotterdam nach Driebergen östlich von Utrecht umziehen. Leopold Müller versuchte seine Eltern zur Flucht zu überreden. Sie aber waren der Auffassung, dass Ihnen in ihrem Alter schon nichts passieren würde. Also brachte der Sohn sie bei einer niederländischen Familie unter, bevor er 1942 floh. 

Die Niederlande waren für Juden keine sichere Zuflucht. Im März 1943 wurden Rudolf und Sophie Müller zunächst in dem Lager Westerbork interniert. Theoretisch hätten sie dort auf die Mutter von Sophie treffen können, denn sie wurden erst nach vier Monaten von dort aus in das Vernichtungslager Sobibor deportiert. In Sobibor gab es keine Überlebenschance für alte Menschen, so dass das Datum der Deportation, der 6. Juli 1943 plus drei Tage Transport, also der 9. Juli 1943 als Todesdatum angenommen werden kann. Das Deutsche Reich erklärte im selben Jahr das Vermögen der Müllers als „verfallen“, das heißt, das Finanzamt kassierte auch den Rest auf den eingefrorenen Konten ein.

Hohenzollernstr 46 – Familie Spanier
Eigentümer dieses Hauses war Leopold Spanier. Er war 1871 in Paderborn zur Welt gekommen. In Krefeld hatte der Textilkaufmann ein Herrenbekleidungsgeschäft an der Friedrichsstraße 9, direkt neben der Markthalle. Es war das zweitgrößte Herrenbekleidungsgeschäft in Krefeld und Umgebung. Leopold Spanier war mit Rosa Spanier geborene Leven (Jg. 1877) verheiratet. Sie kam aus einer Krefelder Familie, die offenbar sehr stolz war, deutsch zu sein. Auf dem Grabstein der Levens auf dem neuen jüdischen Friedhof heißt es über Rosas Vater Albert Leven: „Mitkämpfer der Feldzüge 1864 - 1866 - 1870 - 71. Inhaber des Königl. Kronenordens“. Dieser Orden wurde von den preußischen Königen als allgemeiner Verdienstorden verliehen. Rosas erstes Kind war ein Sohn. 

Walter Spanier wurde 1899 geboren. Er machte eine Ausbildung zum Kaufmann. 1935 floh er aus Krefeld  zunächst in die Niederlande und dann nach Belgien. In Brüssel heiratete er 1937 die Witwe Elisabeth von Felner geborene Gillmann (Jg. 1904). 1940 wurde er auf der Flucht vor den Deutschen in Frankreich zeitweise interniert, kam frei und floh weiter über Portugal und Kuba, bis er 1946 in New York ankam. Dort lebte er bis zu seinem Tod 1973. 

Klara Spanier, die Tochter von Leopold und Rosa Spanier, kam im Jahr 1900 zur Welt. Sie heiratete am 27. August 1921 den elf Jahre älteren Richard Rosen. 1922 wurde Klaras Tochter Gerda geboren, im Januar 1925 ihr Sohn Walter. Im Juli 1925 starb Richard Rosen. Diese Zeit dürfte für die 25-jährige Witwe mit zwei kleinen Kindern nicht einfach gewesen sein. In Heinrich Sonnenberg (Jg. 1895) fand sie einen neuen Mann. 1930 wurde die gemeinsame Tochter Marion Sonnenberg geboren. 1935 wanderte die Familie in die Niederlande aus und floh von dort nach Kanada. Klara Sonnenberg oder Claire, wie sie gerufen wurde, starb 1983 in Großbritannien. 

Die in Krefeld gebliebenen Eltern Leopold und Rosa Spanier mussten das Geschäft aufgeben, als die Stadt Krefeld ihnen 1937 den Mietvertrag kündigte. Die neuen Inhaber gelangten schnell zu Wohlstand. 1938 wurden die Spaniers Opfer des Novemberpogroms. Im Januar 1939 verließen auch sie Deutschland. Das Haus an der Hohenzollernstraße wurde vom Deutschen Reich beschlagnahmt und vom Finanzamt Krefeld verwaltet. Die neuen Mieter waren derselbe Clemens Robben und seine Frau, die schon vorher das Textilgeschäft übernommen hatten. 

Wie so viele Krefelder flohen Leopold und Rosa Spanier in die Niederlande. Dieses Land war im Ersten Weltkrieg neutral geblieben und man hatte allgemein die Hoffnung, dass man dort auch im Falle eines Falles sicher sein würde - und leicht wieder zurück nach Krefeld kommen könnte. Das Ehepaar Spanier wohnte in einem hübschen Backsteinhaus in Hilversum. Das sah fast so aus wie in Krefeld, vielleicht etwas weniger luxuriös als die Hohenzollernstraße. 

Im Zuge der Radikalisierung der nationalsozialistischen Judenpolitik und der Besatzungspolitik in den Niederlanden wurde das Ehepaar Spanier in Westerbork interniert und von dort aus in das Vernichtungslager Sobibor deportiert. Als Todesdatum wird der 7. Mai 1943 angenommen. Leopold Spanier wurde 71 Jahre, Rosa Spanier 66 Jahre alt.

Hohenzollernst. 24 – Dr. Ernst Ascher (1876-1944) 
Das Haus Hohenzollernstraße 24 war das letzte Wohnhaus, in dem Dr. Ernst Ascher mit seiner Frau Else geborene Gottschalk zusammenlebte. Dr. Ascher war 1902 von Berlin nach Krefeld gezogen. Er eröffnete eine Praxis als Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten (Dermatologe) am Westwall 63. 

1911 heiratete er Else Gottschalk (Jg. 1891) aus Halberstadt. Die Ehe blieb jedoch kinderlos. Dr. Ernst Ascher leistete im ersten Weltkrieg Militärdienst. Er wurde dafür mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet. Das Studium in Berlin und die Kriegsteilnahme hatte er mit seinem Arztkollegen Dr. Kurt Hirschfelder gemeinsam. Das war eine Grundlage für eine lang anhaltende Männerfreundschaft mit dem bekannten Kinderarzt. 

Nach 1933 konnte Dr. Ascher seine Praxis nicht lange weiterführen, obwohl er als ehemaliger Kriegsteilnehmer auch nach 1933 noch seine Zulassung als Kassenarzt hätte behalten können. Es begann eine aufreibende Zeit mit häufigen Wohnungswechseln, bei denen nicht zu sagen ist, welche noch als „freiwillig“ gelten können. Die Hohenzollernstraße war auf jeden Fall die letzte gemeinsame Wohnung des Ehepaares Ascher. 

1938 muss für Dr. Ascher ein furchtbares Jahr gewesen sein. Am 29. April 1938 starb seine Frau im Alter von 47 Jahren, wahrscheinlich eines natürlichen Todes. Am 25. April 1938 wurde ihm – wie allen jüdischen Ärzten – mit Wirkung vom 30. September 1938 die Zulassung entzogen. Danach hätte er bestenfalls noch als „Krankenbehandler“ für jüdische Patienten tätig sein können. Am 9. November erlebte er das Novemberpogrom in Krefeld. Trotzdem verließ er das Land nicht, wie es zwei seiner Geschwister getan hatten. Im März 1941 musste er in das „Judenhaus“ Nordwall 75 einziehen. 
Von dort wurde er im Juli 1942 unter Zwang nach Theresienstadt „umgesiedelt“. Im Altersghetto konnte er sich bis zum 15. Mai 1944 halten, möglicherweise nutzte man seine Fähigkeiten als Mediziner. Trotzdem wurde er zu jenem Zeitpunkt in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Sein Todesdatum ist nicht genau bekannt, dürfte aber kurz nach dem Deportationsdatum liegen. Dr. Ernst Ascher wurde 68 Jahre alt.

Nordwall 80 - Auguste Hertz (1859-1942) 
Auguste Hertz wurde am 15. August 1859 in Krefeld geboren. Ihre Eltern hießen Simon (1818-1907) und Johanna Hertz geb. Schwabacher (1830-1905). Sie waren um 1859 von Rheinberg nach Krefeld gezogen. Das Ehepaar bekam im Jahresabstand vier Kinder: Hermann (Jg. 1857), Abraham (Jg. 1858), Auguste (Jg. 1859) und Max (Jg. 1860). Hermann war nach dem Handelsregister von 1926 Besitzer der Krawattenfabrik Gebrüder Hertz. Über Max und Abraham fanden sich keine weiteren Informationen. Das Grab von Simon und Johanna Hertz blieb auf  dem neuen jüdischen Friedhof erhalten. 

Die einzige Tochter Auguste Hertz blieb unverheiratet. Sie wohnte am Nordwall 80. Ob sie einen Beruf hatte, ist unbekannt, denn auf ihrer letzten Meldekarte ist „Rentnerin“ angegeben, im Adressbuch von 1926 steht hinter ihrem Namen „Frl.“ für Fräulein. Diese Anrede galt damals nicht nur für junge Mädchen, sondern für alle unverheirateten Frauen. 

Als Jüdin unterlag Auguste Hertz alle den Maßnahmen des NS-Regimes, die dazu ausgedacht wurden, um Juden zu diskriminieren und zu drangsalieren. Ab 1938 teilte man ihr staatlicherseits den zweiten Vornamen „Sara“ zu, mit dem sie nun auch unterschreiben musste. Im August 1941 zwang die Stadt sie in die Nordstraße 15 umzuziehen. 

Das Haus gehörte Henriette Hertz, geb. Wolf mit ihren Töchtern Therese (56 J.) und Adelheid (49 J.) und ihrem Sohn David (54 J.). Diese Familie war (soweit wie aus den Quellen ersichtlich) nicht direkt mit Auguste Hertz verwandt. Sie ist hier angeführt, um ein Beispiel für das Schicksal der Hausgemeinschaft zu geben. David wurde im Dezember 1941 nach Riga deportiert. Weitere Menschen aus dem Haus wurden zwangsdeportiert und verschwanden nahezu spurlos. Rosa Frankenberg, auch in der Nordstraße 15 wohnhaft, beging vor ihrer Deportation im April Selbstmord. Henriette Hertz starb im Juni 1942 kurz vor ihrem 92. Geburtstag. 

Therese, Adelheid und Auguste wurden erst von der letzten großen Deportation aus Krefeld erfasst. Mit den anderen noch in Krefeld verbliebenen Juden zwang man sie im Juli 1942 die Stadt zu verlassen. Die unfreiwillige Reise ging mit dem Zug über Düsseldorf nach Theresienstadt. Der Staat versuchte dieses Lager als besonders komfortables „Altersghetto“ zu verkaufen. Tatsächlich waren die Lebensumstände dort unsäglich. Es begann ein Überlebenskampf gegen Schmutz, Ungeziefer, Durst, Hunger, Hitze und die Krankheiten, die daraus entstanden. Auguste Hertz durchlitt diesen von Menschen  geschaffenen Horror nur zwei Monate. Als Todesdatum für Auguste Hertz wurde beim Standesamt in Arolsen der 23. September 1942 angegeben. Sie wurde also knapp 83 Jahre alt. Durch ihren Tod entging sie wahrscheinlich einer weiteren Deportation in das Vernichtungslager Treblinka.

 

 

VI_2016 | Paula Billstein | Ritterstraße 189

Paula Rothe wurde 1877 geboren. Sie heiratete den aus Issum stammenden Wilhelm Billstein. Als Berufsbezeichnungen finden sich bei ihm „Packer“ oder „Zeitungsbote“. Das Ehepaar bekam drei Kinder: die ältere Tochter Josefine und die jüngeren Söhne Aurel und Wilhelm. Die Familie lebte in einer Genossenschaftswohnung an der Ritterstraße. Die im Viertel ansässigen Arbeiter waren stark in der politischen Linken organisiert. Viele zeigten sich von der Sozialdemokratie enttäuscht, weil die SPD-Abgeordneten im Parlament Kriegskrediten für den Ersten Weltkrieg zugestimmt hatten. Als sich die Unabhängigen Sozialdemokraten formierten, aus denen sich später die Kommunistische Partei Deutschlands bildete, machte die Mehrheit diesen Wandel mit. Schon bald bildete sich ein politisches Milieu aus, in dem nicht nur das politische Engagement beheimatet war, sondern sich das gesamte Leben abspielte. 
Als die Frauen in der Weimarer Republik erstmals in Deutschland politische Kandidaten sein konnten, lies sich Paula Billstein 1924 für die KPD in den Krefelder Stadtrat wählen. Sie setzte sich stark im Bereich der Bildung für alle und für soziale Fragen ein. Schnell wurde sie in der Stadt bekannt und anscheinend auch geachtet. 1933 wäre sie erneut gewählt worden, wenn die NSDAP nicht die KPD verboten hätte. Im Stadtrat rückten die Nationalsozialisten auf die frei gewordenen Plätze nach. Wieder durften ausschließlich Männer politische Entscheidung treffen. 
Die Krefelder Kandidaten für den Reichstag beziehungsweise den preußischen Landtag Max Neumann und Aurel Billstein wurden im März/April 1933 ohne weitere Begründung interniert und in das Konzentrationslager Sonnenburg gebracht. Nach seiner Entlassung im Herbst 1933 fand Aurel Billstein zunächst keine Arbeit. Erneut wurde er für die KPD aktiv. Seine Gruppe wurde verraten und in einem Massenprozess im Krefelder Landgericht verurteilt. Die höchste Strafe - sieben Jahre Zuchthaus - erhielt Aurel Billstein. Die Familie war durch dieses Terrorurteil sehr erschüttert. So eng wie möglich versuchte sie den Kontakt zum Sohn zu halten. 
In einem Brief dachte Paula Billstein ihren Sohn Ende 1937 mit der verdeckt gehaltenen Aussage, dass die Nationalsozialisten schon fast abgewirtschaftet hätten, zu stärken. Dabei wusste sie wohl, dass der Briefverkehr durch die Hände eines Zensors ging. Dieser Zensor gab der Krefelder Gestapo einen Hinweis. Paula Billstein wurde daraufhin verhaftet und in das Frauenkonzentrationslager Moringen gebracht. Als das Frauen-KZ nach Prettin im heutigen Sachsen-Anhalt verlagert wurde (KZ Lichtenburg), war sie bereits schwer erkrankt. Immerhin wurde sie im Krankenhaus in Torgau medizinisch behandelt. Die Familie wurde verständigt und die Tochter holte die nun sterbenskranke Mutter ab - alles auf eigene Kosten, was der Familie eigentlich gar nicht möglich war. Vier Tage später, am 4. Juli 1938, starb Paula Billstein. Der Trauerzug soll einer politischen Demonstration geglichen haben. 
Aurel Billstein bekam für die Beerdigung seiner Mutter keinen Urlaub aus der Haft. Seinerseits wurde er erst im Juni 1941 entlassen und nur noch im Auftrag der Gestapo beobachtet. Inzwischen brauchte man den ausgebildeten Schlosser. Auch seinen Kriegseinsatz in letzter Stunde überlebte er. Die Familie aber blieb vom Schicksal verfolgt. Ausgerechnet Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion, dem Traumland der Billsteins, versuchten 1945 Josefine Billstein ihr Akkordeon zu stehlen. Dabei wurde sie tragischerweise getötet. 

IV_2016 | Roßstr. 249 | Für Else Müller

Das Foto zeigt in der Mitte Else Müller, links Tochter Lore, rechts Tochter Ilse (Privataufnahme, nach 1933)

Else Müller wurde 1894 als viertes Kind von Hermann und Josefine Koppel geb. Voss in Krefeld geboren und im jüdischen Glauben erzogen. Hermann Koppel war Metzger von Beruf und hatte einen Laden auf der Fischelner Straße 25. Ihr Vater heiratete am 19.6.1908 ein zweites Mal und bekam mit Ida geb. Winkler eine weitere Tochter.

Else Koppel lernte ihren späteren Mann Friedrich Müller in der Tanzstunde kennen. Sie war damals 16 Jahre alt, Friedrich Müller 18. Die Liebe überdauerte den Ersten Weltkrieg und so heirateten die beiden am 6. März 1920 – obwohl der junge Mann aus einer christlichen Familie stammte. Friedrich Müller machte sich als Elektromeister selbstständig und schon im Jahre 1926 kauften sich die Eheleute ein Haus auf der Roßstr. 245, wo sie glückliche Jahre verbrachten.

Die erste Tochter Lore war im August 1921 geboren worden, die zweite Tochter Ilse kam im Februar 1925 zur Welt. Beide wurden gleich nach der Geburt in der Dionysiuskirche getauft. Später besuchte Lore die katholische Grundschule Nr. 3 auf der Hubertusstraße; Ilse ging in den katholischen Kindergarten am Blumenplatz. Da die katholisch-jüdische Mischung zu Problemen führte, kamen die Eltern zu der Ansicht, dass es besser sei, wenn die Kinder den Glauben der Mutter annehmen würden. Sie fragten den damaligen Oberrabbiner Dr. Artur Bluhm um Rat. Dieser sagte, dass nach jüdischem Ritus Kinder einer jüdischen Mutter jüdisch seien. Als Lore auf die Städtische Bürgerschule für Mädchen wechselte, erhielt sie daher jüdischen Religionsunterricht. Die jüngere Tochter Ilse wurde in die Städtische Jüdische Volksschule Nr. 11 auf der St. Anton-Straße eingeschult. Das war 1931.

Ilse Kassel schildert ihre Mutter als einen lebenslustigen, fröhlichen Menschen, der in der Verwandtschaft und bei Freunden beliebt war. Allerdings litt sie sehr unter den Anfeindungen, denen die Familie durch ihre jüdische Herkunft ausgesetzt war. Dies betraf auch die materielle Existenz der Müllers. Friedrich Müller erhielt nach 1933 wegen seiner jüdischen Ehefrau weniger Aufträge und musste schließlich sein eigenes Geschäft aufgeben. Nach den Nürnberger Gesetzen von 1935 galten die Müller-Kinder als "Mischlinge 1. Grades". Ein Auswanderungsversuch nach Südafrika scheiterte, weil Friedrich Müller dort keine Unterstützung fand - diesmal erwies sich seine christliche Herkunft als Hinderungsgrund.

Nach der Einführung des Judensterns 1941 sollte zunächst nur die jüngere Tochter den Stern tragen, weil sie eine jüdische Schule besucht hatte und daher als Jüdin galt. Nach weiterer Überprüfung durch das Reichssicherheitshauptamt wurde schließlich auch Lore Müller, die inzwischen Werner Gabelin geheiratet hatte, zur "Geltungsjüdin" erklärt – mit der Konsequenz, dass auch die Mutter ihren bisher "privilegierten" Status verlor und sie nun alle den Stern tragen und den zusätzlichen Namen Sara führen mussten. In der Zwischenzeit war Else Müllers Vater Hermann Koppel am 1.12.1941 in die Jüdische Heil- und Pflegeanstalt Bendorf-Sayn 1941 eingewiesen und von dort am 14./15.6.1942 nach Izbica deportiert worden, was seinen sicheren Tod bedeutete. Die Stiefmutter Ida war mit dem sogenannten Altentransport im Juli 1942 nach Theresienstadt verbracht worden.

Mit dem letzten Judentransport aus Krefeld, am 17. September 1944, wurden dann auch Else Müller, die beiden Töchter und der Schwiegersohn in Richtung Osten geschickt. Else und Ilse Müller kamen in ein Arbeitslager der Organisation Todt in Zeitz / Sachsen. Von dort wurde Else Müller noch im Februar 1945 in das Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. Dort traf sie ihren Bruder Friederich, der noch 25. Februar 1945 aus Hannover deportiert wurde, und ihre Stiefmutter Ida, die seit 1942 überlebt hatte. Auch Tochter Lore und ihr Mann Werner befanden sich seit dem 13. Oktober 1944 in Theresienstadt. Lore Gabelin hatte dort am 21. Dezember 1944 ihren zweiten Sohn geboren. Wie durch ein Wunder überlebte der Säugling und so konnte Else Müller ihr Enkelkind noch kennen lernen.

Im Mai 1945 wurde das Lager Theresienstadt von russischen Truppen befreit. Die Insassen befanden sich in einem elenden Zustand, eine Typhus-Epidemie griff um sich. Else Müller meldete sich, als nach Freiwilligen für die Krankenpflege gesucht wurde. Sie infizierte sich und starb an ihrem Geburtstag, dem 1. Juni 1945. Ihr Leichnam wurde verbrannt. Sie erhielt ein Urnengrab auf dem Ehrenfriedhof vor der sogenannten kleinen Festung in Theresienstadt, das noch heute existiert.

Lewerentzstr. 21 | Die Geschichte von Moritz Frank

Das Bild zeigt Moritz Frank mit seiner Tochter Ruth am Fenster an der heutigen Lewerentzstraße (Foto: Sammlung NS-Dok., privater Schnappschuss, ohne Datum, etwa 1938).

Moritz Frank wurde 1880 in Krefeld geboren. Die jüdische Familie Frank war in der Stadt weit verzweigt. Sie war seit mehreren Generationen in Krefeld ansässig und hatte einige bedeutende Persönlichkeiten hervorgebracht. Moritz Frank war Kaufmann - wie viele Franks. Er war Mitinhaber der Firma Hertzmann und Frank an der Neusser Straße. Die Familie wohnte in dem Haus Malmedystr. 21, heute das Eckhaus Gerberstr. /Lewerentzstraße.

Moritz Frank heiratete Klara Risse, die nicht jüdisch war. Sie lebten in einer religiös gemischten Ehe, was von keiner Religionsgemeinschaft gut geheißen wurde. Das Ehepaar Frank bekam noch vor dem Ersten Weltkrieg drei Kinder. Im April 1933, kam, mit fast schon einer Generation Abstand, die Tochter Ruth zur Welt. Die kleine Ruth musste mit dem Umstand leben, praktisch fünf Eltern zu haben.

Während des Ersten Weltkrieges war Moritz Frank Soldat gewesen und verwundet worden. Auf die Kriegsteilnahme und die entsprechende Auszeichnung bezog er sich auch, als Nationalsozialisten sein Geschäft während des Novemberpogroms 1938 verwüsteten. Die Seidenhandlung hatte sich bereits von der Neusser Straße in das Wohnhaus an der Gerberstraße verlagern müssen. In seiner Hilflosigkeit bot er den Randalierern seine Waren sogar an – er konnte die Zerstörungswut nicht ertragen. Die Kinder Kurt, Herbert und Edith Frank emigrierten im Dezember 1938 nach Ostafrika. Die Eltern und Ruth blieben zurück.

Durch die sogenannte Mischehe war Moritz Frank vorläufig vor einer Deportation geschützt. Weder dies, noch sein Status als Weltkriegsteilnehmer, konnten ihn allerdings vor der Heranziehung zur Zwangsarbeit bewahren.  Nach einem Sturm im Winter 1941 wurde eine sogenannte Judenkolonne zum Aufräumen im Forstwald bestimmt. Für diese körperliche Anstrengung war der 61jährige nicht mehr fit genug. Nach dem er die Zwangsarbeit von März bis August 1941 durchgehalten hatte, war er so krank, dass er entlassen werden musste. Moritz Frank starb im August 1942 in Krefeld.

Informationen zur 7. Stolpersteinverlegung in Krefeld am 2. Februar 2018

Am 2. Februar 2018 wurden an folgenden Adressen in Krefeld Stolpersteine verlegt:

  • Lewerentzstr. 55
  • Preußenring 13
  • Steinstr. 121
  • Hülser Str. 15
  • Königstr. 45
  • Friedrich-Ebert-Str. 23

Ausführliche Informationen zu den einzelnen Schicksalen der Menschen, an die damit erinnert wird, finden Sie hier!

 

 

Spender für weitere Stolpersteine in Krefeld gesucht

In Krefeld sind noch lange nicht alle wichtigen Häuser, die von Verfolgten bewohnt waren, mit Stolpersteinen markiert. In einigen Häusern wohnten große Familien, die auf verschiedene Weise Opfer des Nationalsozialismus wurden. Besonders dort fehlen noch Spenderinnen und Spender für Stolpersteine.

+++ Die 120 Euro für einen Stein werden erst einen Monat vor der Verlegung fällig. Eine Überweisung ist aber auch sofort möglich, wenn die NS-Dokumentationsstelle den Vorgang bestätigt.

+++ Spendenkonto Villa Merländer e. V., IBAN DE76 3205 0000 0000 3438 06,
Stichwort: Ein Stolperstein für ____ (Bitte Namen eintragen)