II_2018 | Karl und Martha Meyer | Friedrich-Ebert-Straße 23

Familie Karl Meyer (Krefeld)

Das Schicksal der Familie Meyer

Karl Meyer (*1888) und Martha Meyer (*1897) geb. Meyer heirateten 1920. 1927 zogen sie in das Haus an der Friedrich-Ebert-Straße 23. Es war ein großzügiger, moderner Backsteinbau mit einem Garten. Für eine Familie gab es dort viel Platz. Von den Balkonen der Gartenseite hatte man den Blick auf die Rückfront des Gymnasiums am Moltkeplatz. Bei der Planung des Hauses war von vornherein berücksichtigt worden, dass es ein Auto gab. Das war sehr nützlich, denn Karl Meyer arbeite als Vertreter für Schuhe. Da er selbst nicht Auto fahren konnte, gab es dafür einen Fahrer, Hans Aretz. Herr Aretz und seine Familie wohnen nicht mit in dem Einfamilienhaus. Die Familien waren aber miteinander befreundet und machten auch gemeinsame Ausflüge mit dem Fahrrad.

Das Ehepaar Meyer hatte zwei Töchter, Ruth (1921-2017) und Ilse (*1924). Die Mädchen gingen im Bismarckviertel zur Volksschule und wechselten mit zehn Jahren zum Städtischen Lyzeum für Mädchen, heute Ricarda-Huch-Gymnasium. Obwohl Ruth die Schule 1938 als Jüdin verlassen musste, und es auch schon vorher Anfeindungen gegeben hatte, war sie Teil ihrer Klasse. Bis vor wenigen Jahren reiste sie regelmäßig zu Klassentreffen von Kalifornien nach Krefeld.

Im November 1938, nach einem Attentat auf einen deutschen Botschaftsangehörigen in Paris durch einen jüdischen jungen Mann, verstärkte sich die anti-jüdische Propaganda in Deutschland. Sie führte schnell zu einzelnen und dann auch gezielten Übergriffen gegen Juden und jüdischen Besitz (Novemberpogrom 1938). Auch das Ehepaar Meyer fürchtete Gewaltakte und versteckte sich. Die Mädchen wurden vorsichtshalber bei der Familie Aretz untergebracht. Beide berichteten später über die Zerstörungen, die sie am 10. November in ihrem Haus entdeckten. Ruths Bericht wird heute in der Villa Merländer auf Wunsch vorgelesen. Damals beschloss sie, Deutschland zu verlassen. Ruth Meyer meldete sich als landwirtschaftliche Arbeiterin nach England. Das war einer der wenigen Möglichkeiten, eine Einreiseerlaubnis nach Großbritannien zu bekommen. Weil sie dazu 18 Jahre sein musste, „korrigierte“ sie eigenhändig ihren Pass – und kam damit durch.

In England angekommen, konzentrierte sie sich darauf, ihre Eltern und Ilse nachkommen zu lassen. Tatsächlich schaffte sie das. Die Familie war im August 1939, kurz vor dem Beginn des Krieges, in Sicherheit. Nur die Großeltern blieben in Krefeld zurück. Man glaubte nicht, dass sie in Gefahr wären. Die Großmutter Emilie Meyer war seit 1924 verwitwet und wohnte seit 1935 bei der Familie ihrer Tochter. Nachdem sie ausgewandert war, lebte die alte Frau in dem Haus Nordstraße 27. 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert und in Treblinka ermordet. Sie wurde 83 Jahre alt. Der Großvater Valentin Meyer, Vater von Karl, und ehemals Metzger an der Klosterstraße 6, war seit 1941 Witwer. Auch er wurde über Theresienstadt nach Treblinka verschleppt. Als er ermordet wurde, war er 81 Jahren alt.

Trotz ihrer schlechten Erfahrungen hielt die Familie Meyer den Kontakt nach Krefeld. Das Mahnmal für die ermordeten Juden in Krefeld geht auf eine Initiative der Meyer-Damen zurück. Nachfahren von Ruth und Ilse Meyer leben heute in den USA und halten weiter die Verbindung. Einer der Enkel lernte sogar Deutsch.

Mit dem "Stolperstein des Monats" stellen wir in lockerer Folge Menschen und Biografien vor, denen wir mit Stolpersteinen in Krefeld gedenken wollen.