Der Friedhof der Euthanasie-Opfer in Waldniel-Hostert

Schon aus der Ferne ist die ehemalige Heil- und Pflegeanstalt in Waldniel-Hostert zu sehen. Wer auf der Autobahn von Mönchengladbach Richtung Roermond fährt, sieht an der entsprechenden Ausfahrt das Türmchen auf der alten Anstaltskirche und mag sich über den Anblick eines vermeintlich idyllischen Ortes freuen. Doch dieser Eindruck täuscht. Aus der Nähe wirkt die Anlage verlassen. Nur selten öffnet sich der Eingang für eine Besichtigung. Öffentlich zugänglich ist ausschließlich der hinter der alten Anstalt gelegene kleine Friedhof. Schilder mit der Aufschrift: "Gedenkstätte" weisen den Weg, der weit um das Gelände führt.

Wer ihnen folgt, landet auf einer hinteren Zufahrt zur ehemaligen Anstalt. Auf der linken Seite der Sackgasse befindet sich eine Hecke mit einem Eisentor. Das Gelände ist als Friedhof erkennbar, auch wenn keine einzelnen Grabstätten mehr auszumachen sind. Auf dem rechten Torpfeiler ist eine Bronzetafel angebracht. Sie bestätigt, dass es sich um den Anstaltsfriedhof handelt. Gleichzeitig aber erfährt der Besucher hier, dass er sich am Tatort eines ungeheuren Verbrechens befindet. In der Abteilung Waldniel-Hostert der Provinzial Heil- und Pflegeanstalt Süchteln-Johannistal wurden nachweislich mindestens 30 geistig behinderte Kinder ermordet. Weitere Patienten wurden hier und an anderen Orten Opfer des planmäßigen Tötens von geistig Behinderten und geistig Kranken während der Zeit des Nationalsozialismus. Dieser Mord an unheilbar Kranken ist auch unter der Bezeichnung Euthanasie oder NS-Euthanasie bekannt.

Das Tor lässt sich öffnen. Über die Rasenfläche kommt man zu einem Gedenkstein, der "den unschuldigen Opfern" gewidmet ist. Ihm gegenüber steht eine Bank, auf der Sie zum Anhören des weiteren Textes Platz nehmen können.

Ursprünglich befand sich an dieser Stelle ein kleiner Friedhof der Franziskaner-Brüder, die in dem St. Josefsheim – so hieß die Anstalt von 1909 bis 1937 – lebten. Das St. Josefsheim in Waldniel-Hostert sollte man nicht mit dem St. Josefshaus in Mönchengladbach-Hardt verwechseln. Diese Verwechslung ist leicht, denn beide Einrichtungen liegen nicht allzu weit voneinander entfernt und in beiden widmeten sich katholische Orden der Pflege von Menschen mit Behinderungen.

Die Waldnieler Franziskaner waren 1909 von Bürgern aus der Umgebung regelrecht angeworben worden. Sie sahen in der Errichtung einer Anstaltskirche die einzige Möglichkeit, eine eigene Kirche ins Dorf zu bekommen. Der Kirchenbau wäre ihnen ansonsten verwehrt gewesen. Fast 30 Jahre lang lebten die Brüder in einer klösterlichen Gemeinschaft und betreuten die Behinderten. Wer konnte, arbeitete für den eigenen Unterhalt. Zu der Anstalt gehörten Wiesen und Felder, die gemeinsam bewirtschaftet wurden.

Die Situation änderte sich mit Beginn der NS-Diktatur. Schlagartig setzten die Nationalsozialisten ihre Sicht auf unheilbar Kranke und Behinderte durch: wer dauerhaft nicht in der Lage war, für sich und andere zu sorgen, schadete angeblich der nationalsozialistischen "Volksgemeinschaft" und war von ihr abzusondern. In letzter Konsequenz führte dieses rassistische Denken zum Mord. Im Zeichen der neuen Politik wurden als erstes die Pflegesätze soweit gekürzt, dass die Patienten nicht mehr ausreichend betreut, mit Medikamenten versorgt, ja nicht einmal ausreichend ernährt werden konnten. Der kleine Friedhof der Franziskanerbrüder begann nun, sich mit gestorbenen Patienten zu füllen.

Zur deutschen Diktatur gehörte die Verfolgung der Kirchen. Nächstenliebe und Barmherzigkeit waren mit Rassismus und Nationalismus nicht vereinbar. Die Nationalsozialisten setzten die Franziskanerbrüder derart unter Druck, dass sie die Anstalt in Waldniel 1937 aufgeben mussten. Sie wurde nun der Provinzial-Verwaltung unterstellt. Damit unterlagen die Patienten nicht mehr barmherziger Fürsorge, sondern staatlicher Kontrolle. Die Konsequenzen lassen sich bis heute in den Friedhofsregistern nachlesen: die Zahl der Beerdigungen stieg sprunghaft an.

Besonders abstoßend ist, dass in Waldniel-Hostert geistig behinderte Kinder von Schwestern und Ärzten ermordet wurden. Dies wurde nach dem Krieg in einem Gerichtsverfahren nachgewiesen. Einer der verantwortlichen Ärzte, Hermann Wesse, wurde 1948 in Düsseldorf wegen der Morde in Waldniel-Hostert zu lebenslanger Haft verurteilt. Er wurde 1966 entlassen.


Sprecher: Wolfgang Reinke
Autorin: Dr. Ingrid Schupetta
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Weiterlesen:
www.waldniel-hostert.de

Paul-Günter Schulte, Die Euthanasie in der Provinzial Heil- und Pflegeanstalt Johannistal, Abteilung Waldniel, insbesondere der dortigen Kinderfachabteilung, in: Linda Orth, Transportkinder, Düsseldorf 1989, S. 98–110.

Peter Zöhren, Nebenan – eine andere Welt, Waldniel-Hostert 1909 – 1945, Schwalmtal, 1988.