Das Kriegerdenkmal von Joseph Beuys in Meerbusch-Büderich

An der viel befahrenen Dorfstraße in Meerbusch-Büderich steht in einer kleinen Grünanlage ein Turm. Er ist eckig und aus gelblichem Tuff- und Sandstein gemauert -  beides Materialien, die am Niederrhein eigentlich gar nicht vorkommen. Die Mauern des Turmes wirken sehr massiv, das Gebäude ist offensichtlich mehr als einmal verändert worden und wirkt entsprechend alt.
Der Bau hat vier Stockwerke. Unten ist er glatt und ohne Verzierungen. Über den zweiten und dritten Stock ziehen sich angedeutete Säulen mit runden Bögen als Abschluss. Diese Formen werden in der obersten Etage als kleine, doppelte Fenster mit runden Säulen in der Mitte wiederholt. Hier war der Turm offen, weil ganz oben Glocken hingen, die weit über das Land zu hören sein sollten.
Dieser Turm ist nämlich der letzte Rest einer mittelalterlichen Kirche. Sie war über 600 Jahre dem Heiligen Mauritius geweiht. In der katholischen Religion ist Sankt Mauritius der Beschützer der Soldaten, der Messer- und Waffenschmiede. Auf alten Bildern wird er häufig mit einem Schild und einem Schwert dargestellt.

Der Baustil mit den runden Bögen heißt romanisch, weil die Römer früher so gebaut haben. Die ältesten Kirchen am Niederrhein sind alle romanisch. Wenn man auf der Seite über dem Eingangstor ganz genau hinschaut, kann man noch erkennen, dass hier ein spitzes Dach angesetzt war. Hier war also mal eine Halle, oder besser gesagt, das Kirchenschiff. Durch das heutige Tor ging man früher vom Turm in das Kircheninnere. Der eigentliche Eingang war an der anderen Seite des heutigen Tores, ganz früher vielleicht auch nur an einer Seite des Kirchenschiffes.

Die Kirche ist in den Kriegen der vergangenen Jahrhunderte vielfach zerstört und immer wieder aufgebaut worden. 1891 war zwar kein Krieg, aber das Gotteshaus wurde Opfer eines Brandes. Möglicherweise war glimmender Weihrauch, der nach dem Gottesdienst nicht sorgfältig gelöscht worden war, die Brandursache. Doch das ließ sich bei der anschließenden Untersuchung mit den damaligen Mitteln nicht genau herausfinden.

Der Gemeinderat von Büderich und die Kirchengemeinde beschlossen gemeinsam einen Neubau, die heutige St. Mauritus-Kirche. Den nun nutzlosen alten Turm wollte man damals einfach abreißen. Dafür gab es aber keine Erlaubnis von der Regierung, und er musste stehen bleiben. Als die ersten Stromleitungen in Büderich gelegt wurden, konnte der alte Turm als Trafo-Station benutzt werden. Das heißt, hier wurde der Strom aus dem Netz in solchen umgewandelt, den man im Haushalt brauchen kann.

Schon nach dem Ersten Weltkrieg war als Alternative die Idee diskutiert worden, den Turm mit dem dazugehörenden alten Kirchplatz zu einer Gedenkstätte für die Gefallenen des 1. Weltkrieges umzugestalten. Diese Idee konnte aber erst nach dem zweiten verlorenem Krieg umgesetzt werden.

Die Künstler Prof. Ewald Mataré, Will Hanebal, Ivo Beuker und Joseph Beuys wurden um Vorschläge gebeten. Die Gemeinde entschied sich für den Entwurf des damals noch unbekannten Joseph Beuys. Dieser war Meisterschüler von Mataré gewesen und häufiger Gast in seinem Atelier in Büderich, das ganz in der Nähe lag.

Beuys hatte für das Turminnere eine kreuzförmige Skulptur, die er als "Auferstehungssymbol" bezeichnete, entworfen. Für den Eingang skizzierte er ein Tor. Für dessen rechten Flügel sah er die Namen der 222 Büdericher Kriegstoten beider Weltkriege vor. Die Gemeinde bezahlte einen Pauschalpreis von  18 500 DM. Für die zusätzliche und besonders mühevolle Arbeit des Einkerbens der Namen gab es allerdings noch einmal  7 000 DM extra. Das Mahnmal wurde 1959 eingeweiht.

Wenn sie jetzt in Richtung Eingang gehen, werden sie normalerweise von einem Gitter gestoppt. Die Beuys-Tür dahinter ist aus Eichenholz, die eigentümlichen Beschläge sind aus Eisen. Sie können an altes Kriegsgerät erinnern oder an Dinge, die Hirten benutzten. Der linke Türflügel trägt außen keinen weiteren Schmuck. Auf dem rechten kann man, wenn man genau hinsieht, die Namen erkennen. Die Buchstaben sind ziemlich ungleichmäßig, offensichtlich mit einem Handwerkzeug in das Holz geschlagen und geschnitzt. Die Türfüllung reichte nicht für alle 222 Namen, deswegen ist die Liste auf dem unteren Holzstück fortgesetzt.

Falls die Tür offen steht, kann man in den Innenraum sehen. Zu erkennen ist dann links eine riesige Figur aus Eichenholz. Sie ist nicht mit der Wand dahinter verbunden, sondern hängt an langen, dicken Eisenstäben etwa einen Meter über dem Boden. Obwohl die drei Meter hohe Skulptur ein ungeheures Gewicht haben muss, sieht es so aus, als ob sie schweben würde. Auffallend ist ein rundes eisernes Schild, das sich in der Mitte der Figur befindet und über ein Eisenband am Kopf vorbei eine Verbindung mit der Aufhängung bildet. Die Figur hat die Arme ausgebreitet, so dass sie wie ein christliches Kreuz aussieht. Sie trägt einen Heiligenschein. Man kann an Jesus Christus denken, der am Kreuz gestorben ist, aber auch an den Heiligen Mauritius – wegen des Schildes.

Für Beuys sollte seine Figur ein allgemeines Symbol der Auferstehung sein. Möglicherweise war es ihm deshalb auch wichtig, dass der Turm innen ganz leer geräumt wurde und oben Licht einfallen kann. So unbeweglich der Schwebende auch scheint, so hätte er doch die Möglichkeit aufzusteigen.
Im Inneren des Turmes gibt es keine Gedenktafel. Man sieht in der zugemauerten alten Tür gegenüber nur drei Vorrichtungen, an denen man Kränze aufhängen kann. Das Büdericher Mahnmal ist das größte Werk von Joseph Beuys im öffentlichen Raum. Es ist also etwas ganz Besonders.

Sprecher: Wolfgang Reinke
Autorin: Dr. Ingrid Schupetta
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Wer noch etwas Zeit in Büderich verbringen will, und sich für Joseph Beuys interessiert, sollte auch noch auf den Friedhof gehen. Dort gibt es einen Grabstein für die Familie Niehaus, den Joseph Beuys 1951 geschaffen hat.
Auf dem Friedhof ist außerdem ein weiteres Mahnmal für die Toten der Weltkriege. Der Büdericher Gemeinderat beauftragte parallel zu Joseph Beuys den Bildhauer Adolf Westergerling mit einem Mahnmal, das "Unseren Toten / 1914-1918 / 1939-1945" gewidmet werden sollte. Der Mataré-Schüler entwarf eine stilisierte Hand mit in die Höhe gerecktem, mahnendem Zeigefinger. Die Säule, die einen bestickten Ärmel gleicht, trägt Symbole für Flucht, Tod, Leid und Kriegsverletzungen. Auf der Rückseite ist ein flaches Relief mit übereinander gestapelten Leichen. Es ähnelnd den Fotos, die nach der Befreiung der Konzentrationslager gemacht worden sind. Interessanterweise benutzte auch dieser Künstler ein christliches Vorbild. Sein Mahnmal hat die Form eines Armreliquiars, eines Behältnisses in dem man in katholischen Kirchen Armknochen von Heiligen aufbewahrt. Auch diese stilistisch ungewöhnliche Skulptur wurde 1959 eingeweiht.
Möglicherweise ist dieser Bezug zur christlichen Religion der Grund, warum es am Eingang des Friedhofes seit 1988 zusätzlich ein Mahnmal für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gibt. Der Bildhauer Peter Rübsam wählte sieben Basaltstelen aus – sieben für die Zahl der Arme der Menora, des jüdischen Leuchters. Im Boden eingelassen sind Messingtafeln mit den Namen folgender Konzentrations- und Vernichtungslager: Dachau, Treblinka, Buchenwald, Maidanek, Theresienstadt, Auschwitz, Riga-Kaiserwald.


Weiterlesen:
Klaus Hellmich, Das Kirchspiel Büderich,
Internet-Veröffentlichung unter: www.st-mauritius.com
Margot Klütsch, Meerbuscher Kunstwege. Kunstwerke und Denkmäler im Stadtbild, Herausgegeben von der Stadt Meerbusch, Düsseldorf 2010