Die Wandgemälde Heinrich Campendonks in der Villa Merländer

Willkommen im Campendonk- Raum der Villa Merländer. Setzen Sie sich ruhig ein wenig, denn dieser Vortrag ist 10 Minuten lang – wenn Sie alles hören wollen.

An den Wänden sehen Sie zwei ziemlich bunte Gemälde. Sie wurden direkt auf die Wand gemalt und sehen so samtig aus, dass man sie gerne anfassen würde. Das darf man natürlich nicht. Der ganze Raum, einschließlich der anderen Wände und dem Fußboden, hat Farben, die auf die Bilder abgestimmt sind. Sie sitzen also eigentlich nicht vor den Bildern, sondern Sie sind in einem Kunstwerk mittendrin.

Dieser ungewöhnliche Raum war ein besonderer Wunsch des Hausbesitzers Richard Merländer. Er spielte leidenschaftlich gerne Karten und wollte in seinem neuen Haus einen Extra-Raum für sein Hobby haben. Aber wie sollte sein Spielzimmer aussehen? Da für das Kartenspielen nur ein Tisch und ein paar Stühle nötig sind, konnten die Wände bemalt werden. Richard Merländer beauftragte den Maler Heinrich Campendonk, von dem er bereits ein Bild gekauft hatte. Campendonk war damals schon ein recht bekannter Künstler. Er wohnte 1924 eher zufällig in Krefeld und brauchte Geld für sich und seine Familie, also war über den bezahlten Job sehr froh.

Sicher haben sich die beiden Männer darüber unterhalten, was denn auf den Bildern zu sehen sein soll. Sie einigten sich offensichtlich auf ein gemeinsames Thema. Wenn Sie sich die Bilder genau ansehen, können Sie viele Gegenstände erkennen. Sie gehören alle zu Sachen, die man in der Freizeit gerne macht: Autofahren, dass die Blätter nur so um die Reifen wirbeln, Tennisspielen, Tiere beobachten, Billard spielen auf der einen Seite.

Oder in den Zirkus oder in eine Show gehen, über traurige Clowns lachen, Zirkusreiterinnen bewundern, dressierten Tieren wie der Gans, die mit den Flügeln schlägt, zusehen oder ganz einfach zu Hause bleiben und würfeln, Schach oder Skat spielen.

Einige der Dinge haben mit dem Leben von Richard Merländer zu tun. Ihm gehörte der große, schwarze Firmenwagen, mit dem er sich auch privat gerne durch die Gegend fahren ließ. Gemeinsam mit seinem Chauffeur und einem Freund unternahm er sogar eine Italienreise, was damals noch recht ungewöhnlich war. Sonst lagen die privaten Ziele näher: der Tennisverein, in dem der Jude Richard Merländer zwar nicht spielen, aber immerhin zusehen durfte oder die Clubs und Bars in Köln und Düsseldorf, wo er Freunde traf und Billard spielte.

Andere Sachen waren mehr für den Maler wichtig. Immer wieder hat Heinrich Campendonk Tiere wie die drei Raubkatzen und den Glücksklee-Vogel gemalt. Auch Clowns kommen sehr häufig in seinen Bildern vor. So oft, dass ein Fachmann auf den Gedanken gekommen ist, dass Heinrich Campendonk in seinen Clowns immer ein wenig auch sich selbst gemalt hat. Wenn das wahr wäre, muss er beim Malen dieses Selbstbildes reichlich schlechte Laune gehabt haben. Der Merländer-Clown sieht jedenfalls nicht so aus, als ob er gerade viel Spaß haben würde. Dabei hat er doch Glöckchen am Kragen und an seiner Samtmütze eine bunte Vogelfeder.

Wenn Sie einen Beweis suchen, dass die Bilder wirklich von Heinrich Campendonk sind, müssen Sie wieder auf die andere Seite sehen. Campendonk versteckte seine Bildunterschrift und das Jahr, in dem das Bild fertig wurde, mitten im Bild. Suchen Sie in dem blauen Feld schräg links unterhalb des Herzens auf der oberen Begrenzungslinie eines schwarz-getupften Abschnittes. In dunkelrot steht da „C. 25“. Zugegeben, das ist schwer zu erkennen, aber es hilft, wenn man den Kopf etwas bewegt und verschiedene Bildwinkel ausprobiert. Campendonks Art und Weise zu malen nennen die Fachleute expressionistisch, die Kunstrichtung Expressionismus. Modern wurde der Expressionismus vor gut 100 Jahren. Viele junge Künstler, auch Dichter und Musiker, suchten damals nach neuen Wegen die gewaltigen Veränderungen, die um sie herum stattfanden, zu verarbeiten.

Vieles, was vorher Kunstmaler gemacht hatten, wurde plötzlich durch die Fotografie besser erledigt. Die Maler suchten neue Möglichkeiten. Heraus kamen wilde Formen und grelle Farben mit denen sie ihre Mitbürger erschreckten. Das Wort „Expression“ heißt auf Deutsch Ausdruck. Die expressionistischen Maler wollten also etwas ausdrücken. Etwas, was in ihnen steckt oder in den Menschen, Tieren und Gegenständen, die sie malten. Die Farben mussten für die Expressionisten nicht mehr so sein, wie sie in der Natur sind, die Formen genauso wenig. Eine orangefarbene Katze kann Wildheit ausdrücken, eine grüne Kugel für einen ganzen Baum stehen. Gerne nahmen die Expressionisten auch Anregungen aus afrikanischen oder asiatischen Kulturen auf. Die europäischen Künstler sahen in fremden Holz- oder Metallbildern eine Ausdruckskraft, die sie gerne auch gehabt hätten.

Die Wandbilder lassen davon etwas ahnen, besonders wenn Sie sich die Katzen etwas näher ansehen. Wer hat je so seltsame Tiere gesehen? So komische Streifen und Tupfen und Zähnchen dicht und spitz wie auf einem Sägeblatt? Ganz ähnlich stellen die Dogon aus Afrika die von ihnen verehrten Leoparden dar. Gesehen hat Heinrich Campendonk diese Vorbilder bestimmt nicht in Krefeld, sondern in München, als er mit Malerfreunden in der Nähe der Stadt wohnte oder in Berlin, wo er einen Kunsthändler besuchte, der Campendonks Bilder ausstellte und verkaufte.

Die grobe Malweise und die Vorbilder in der so genannten primitiven Kunst führten dazu, dass viele Menschen, den Expressionismus als hässlich ablehnten. Die Nationalsozialisten erfanden einen besonderen Grund, diese Kunst zu hassen. Expressionismus galt ihnen wegen seiner fremden Einflüsse als undeutsch, als nicht von deutscher Art. Sie sagten entartet und meinten verbieten und zerstören. Auch Heinrich Campendonk wurde von den Nationalsozialisten verfolgt, weil er die falschen Bilder malte. 1933 / 1934 verlor er seine Stelle als Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf. Er floh in die Niederlande. In Amsterdam erfuhr er, dass seine Bilder aus den Museen entfernt wurden. Nach dem Krieg konnte er nur noch feststellen, dass große Teile seines Werkes vernichtet oder verschollen waren.

Zu den verschollenen Bildern gehörten die Wandbilder in der Villa Merländer, obwohl sich das Haus ja nicht vom Fleck bewegt hatte und auch nicht zerstört worden war. Es war nur so, dass sie irgendwann übertapeziert worden sind und nach dem Auszug und Tod Richard Merländers vergessen wurden.

Erst als 1989 eine Campendonk-Ausstellung vorbereitet wurde, suchte das Kaiser Wilhelm Museum gezielt nach den Krefelder Wandbildern. Nach mehreren Versuchen, wurden sie gefunden. Es dauerte noch einige Zeit, bis sie freigelegt und restauriert waren. Seit gut 10 Jahren können sie aber zumindest gelegentlich besichtigt werden. Zum Beispiel von Ihnen.

Sprecherin: Dr. Ingrid Schupetta
Autorin: Dr. Ingrid Schupetta
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Weiterlesen:
Ingrid, Schupetta, Die Wandmalerei von Heinrich Campendonk, in: Heinrich Campendonk. Die zweite Lebenshälfte eines Blauen Reiters. Von Düsseldorf nach Amsterdam, (Katalog) Zwolle 2001, S. 88 bis 99 (mit Übersetzung ins Niederländische).

Ingrid Schupetta, Krefeld, Kronenburg und das Kultusministerium. Warum Heinrich Campendonk Niederländer blieb, in: Rausch und Reduktion. Heinrich Campendonk 1889 - 1957, (Katalog) Köln 2007, S. 109 – 135.