Die Villa Richard Merländers

Wenn Sie die Nummer 42 an der Krefelder Friedrich-Ebert-Straße gefunden haben, stehen Sie vor der Villa Merländer. Wie man auf dem Schild vorne sieht, ist in dem Gebäude hauptsächlich das Kulturbüro der Stadt Krefeld untergebracht. Aber es wird in diesen Räumen auch an die Zeit des Nationalsozialismus und ihre Schrecken erinnert. Das hängt mit einer besonderen Geschichte zusammen:

Hier wohnte einst der Krefelder Seidenhändler Richard Merländer. Er war um 1900 in die Stadt gekommen und hatte zwei Partner gefunden, mit denen er ein erfolgreiches Geschäft gegründet hatte. Das war die Firma Merländer, Strauß und Co., Samt- und Seidenwarengroßhandlung. Knapp 25 Jahre später – es war im Dezember 1924 - feierte Merländer seinen 50. Geburtstag. Zu dieser Gelegenheit leistete er sich ein eigenes Haus. Das Grundstück dazu fand er einer Wohnlage, die schon damals zu den besten der Stadt gehörte.

Zum Architekten wählte er Friedrich Kühnen, der als Baumeister einen guten Ruf hatte, weil er Meisterschüler des damals sehr bekannten Professors Wilhelm Kreis in Düsseldorf war. Heraus kam ein heute noch zurückhaltend, ansehenswertes Bauwerk. Besonders auffallend sind die großen weißen Säulen, die die Balkone tragen und das runde Fenster unter einem kleinen spitzen Dach zur Straßenseite.

Doch die größte Attraktion des Hauses ist in den Innenräumen und normalerweise vor Licht - und damit auch vor neugierigen Blicken - durch Rollläden geschützt: Es handelt sich um zwei Wandgemälde von Heinrich Campendonk, die in ihrer Art weltweit einzigartig sind. Der Maler gehörte nämlich zu den sogenannten Expressionisten. Diese Künstler wurden von den Nationalsozialisten verfolgt, ihre Werke aus Museen entfernt und ins Ausland verkauft oder zerstört. Entsprechend wenige blieben in Deutschland zurück. Deswegen - und natürlich auch wegen der Schönheit der Bilder - lohnt es sich, an einem der wenigen Tage zu kommen, an denen diese Bilder zu besichtigen sind.

Wenn Sie die Einfahrt rechts neben dem Haus etwas hineingehen, sehen Sie einen Wintergarten. Ursprünglich war hier eine große offene Veranda direkt vor dem Wohnzimmer. An dem großen halbrunden Fenster darunter und vielleicht an der leicht ansteigenden Pflasterung kann man erkennen, dass auch der Raum unter der Veranda ursprünglich anders genutzt wurde. Hier befand sich die Einfahrt zur Garage für ein beeindruckend großes Auto.

Richard Merländer hatte nie geheiratet. Er lebte hier mit seiner Haushälterin, seinem Chauffeur und dessen Frau und kleiner Tochter. Das Personal wohnte im Erdgeschoss, Richard Merländer und zeitweise zwei seiner Brüder in den beiden oberen Stockwerken. Das friedliche und geregelte Leben in der Friedrich-Ebert-Straße endete 1933. Es begann mit der Umbenennung der Straße. Sie sollte nicht mehr an den ersten Reichspräsidenten, den Sozialdemokraten Friedrich Ebert erinnern. Der neue Name war Schlageterallee – zu Ehren eines Nazi-Helden.

Der Jude Richard Merländer wurde wegen seiner Herkunft vom nationalsozialistischen Staat verfolgt. Er musste sein Auto abschaffen und seine Firma aufgeben. Die Nationalsozialisten zwangen ihn sogar zum Verkauf seines Hauses. Das Geld dafür wurde allerdings vom Staat einkassiert. Er selbst musste 1941 in ein so genanntes Judenhaus an der Hubertusstraße umziehen, wo er nur noch ein kleines Zimmerchen bewohnte. Das war kurz vor seinem 68. Geburtstag.

Aus dem Judenhaus wurde Richard Merländer im Juli 1942 in das Lager Theresienstadt deportiert. Als nicht mehr arbeitsfähig schob man ihn im September 1942 in das Vernichtungslager Treblinka ab. Da von den 3000 Menschen dieses Transportes keiner überlebte, sind die genauen Umstände seines Todes unbekannt. Wahrscheinlich wurde er kurz nach der Ankunft in der Gaskammer ermordet.

Sein Haus wurde in ein Hotel umgewandelt. Während des Zweiten Weltkrieges wohnten hier Menschen, die ihre Wohnungen in der Innenstadt durch Bombenangriffe verloren hatten. Die Villa Merländer bekam einen eigenen Luftschutzkeller. Von außen erkennt man ihn an dem Schacht unter dem doppelten Fenster zwischen dem Hauseingang und dem Vorgarten. Wenn man durch das Gitter am Boden schaut, sieht man kein Kellerfenster, sondern erkennt Eisenbögen, die mal eine Nottreppe waren. Wenn das Haus bei einem Bombenangriff zusammengestürzt wäre, hätten die Bewohner die Kellerwand eingeschlagen und durch das Loch und den Schacht fliehen können.

Nach dem Krieg wechselte die Villa Merländer mehrfach den Besitzer. 1989 wurde sie von der Stadt Krefeld angemietet. Zu diesem Zeitpunkt wurden die Wandbilder, die seit Merländers Zeiten hinter Tapeten verborgen waren, wiederentdeckt. Auch die traurige Geschichte Richard Merländers wurde bekannt. Deswegen beschloss der Rat der Stadt Krefeld, in dem Haus ein Dokumentations- und Begegnungszentrum einzurichten, das sich mit der Zeit des Nationalsozialismus in Krefeld beschäftigen sollte.

Sprecher: Wolfgang Reinke
Autorin: Dr. Ingrid Schupetta
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Weiterlesen:
Ingrid Schupetta, Richard Merländer - Nachforschungen über einen Unbekannten, in: die Heimat, 64/1993, S. 60 - 64.