Kurz und knapp Oktober 2019

Nachrichten rund um die Villa Merländer vom Villa Merländer e.V.

Liebe Leserschaft,

die dunkle Jahreszeit hat unverkennbar begonnen und auch die NS-Dokumentationsstelle und der Villa Merländer e.V. sind bereits voller Energie im Herbst-Winterprogramm. Nachfolgend unser Programm und die Nachrichten für den Oktober.

Programm im Oktober
Am Donnerstag, den 10. Oktober findet die nächste Veranstaltung aus unserer Reihe „Kino in der Villa“ statt - „À ceux qui viennent aprés nous“ (An die, die nach uns kommen“ – Über die vergessen Juden von Kovel.
Kovel, eine mittelgroße Stadt in der Ukraine – nichts in dieser Stadt zeugt davon, dass mehr als die Hälfte ihrer Bürger während des Zweiten Weltkriegs umgebracht wurden. Die heutige Kleiderfabrik war früher einmal eine große Synagoge. Unter der weißen Farbschicht verborgen sind bis heute noch die letzten Worte der jüdischen Einwohner, die damals in der Synagoge eingepfercht wurden.
Siebzig Jahre nach dem Ende des Holocausts begab sich die Französin Eve Buchwald nach Kovel, woher ihre Mutter stammte. Der Dokumentarfilm zeigt ihre Reise in die Vergangenheit. Buchwald sucht unter anderem nach ihrem Großonkel, der 1942 von den Nazis erschossen wurde. Heute gibt es auf den ersten Blick keine Zeugnisse der Gräueltaten in der NS-Zeit, ebenso wenig über die Juden, die einst dort lebten. Hat Kovel »seine Juden« vergessen?

Am Samstag, den 12. Oktober kooperieren wir gemeinsam mit der Aurel Billstein
Geschichtswerkstatt und führen gemeinsam zum Thema gewerkschaftlicher Widerstand. „Der eine fällt, die andern rücken nach.“ Der Rundgang mit Schwerpunkt in der Südstadt stellt einmal mehr Aurel Billstein, der zu den Gründervätern des Dokumentationszentrums gehörte und Ehrenmitglied im Verein Villa Merländer bleibt, seine Familie und sein Lebenswerk in den Mittelpunkt. Damit ist der Stadtspaziergang auch ein verspäteter Geburtstagsgruß an Aurel, der am 29. September 2019 118 Jahre alt geworden wäre.
Zeit: 11.00 - ca. 13.00 Uhr, Treffpunkt: Hauptbahnhof, Südausgang
Achtung, im Monatsflyer hat sich ein Tippfehler eingeschlichen, dort steht als Datum der 12.12. – gemeint ist aber natürlich der 12. Oktober!

Am Sonntag, den 13. Oktober veranstalten wir gemeinsam mit dem Projekt MIK eine Radtour zum Thema Samt und Seide in der NS-Zeit. Der Treffpunkt ist 12:00 Uhr an der Villa Merländer, Friedrich-Ebert-Strasse 42, die Tour endet gegen 15:00 Uhr am Thomas Schütte Pavillon. Ein eigenes Fahrrad ist mitzubringen. Nähere Details zu Anmeldung und Teilnahmegebühr über https://projektmik.com/

Rückblick
Im September ist unsere Kinoreihe erfolgreich gestartet. In „Gefangen und dann – André, René, Laurent. Auf den Spuren französischer Kriegsgefangener“ haben die zwei Dokumentarfilmer Annelie Klother und Walter Kropp die Geschichte von drei französischen Männern in deutscher Kriegsgefangenschaft nacherzählt. Im anschließenden Gespräch berichteten sie von weiteren Filmprojekten, die hoffentlich ebenfalls ihren Weg in unsere Filmreihe finden werden. Gestern, am 1. Oktober zeigten wir in Erinnerung an die im Nationalsozialismus ermordeten Zeugen Jehovas den Film „Die Köchin des Kommandanten“ und hatten Karola Strobel vom Marchivum aus Mannheim zu Gast, die das Projekt betreut hat. Die anschließende Diskussion über die ausgesprochen ungewöhnliche Geschichte des Films wird sicherlich noch lange bei einigen Anwesenden nachhallen.

Im Rahmen der Interkulturellen Woche erinnerten wir am 23. September ebenfalls an Personen, die im Nationalsozialismus als „Bibelforscher“ verfolgt und ermordet wurden. Im September 2019 jährte sich die erste Exekution eines männlichen Zeugen Jehovas durch die Nationalsozialisten zum 80. Mal. Zusammen mit dem Kommunalen Integrationszentrum der Stadt Krefeld und der Aurel Billstein Geschichtswerkstatt wurde das Thema historisch aufgearbeitet.
„Wenn diese Zeilen Euch erreichen, ist für mich bereits alles Leid vorbei, denn heute Nachmittag, 17 Uhr, wird meinem Leben ein Ende gemacht.“ Es ist ganz still in der Villa Merländer, als der 32-jährige Syrer Karkar Ali den Abschiedsbrief des zum Tode verurteilten Walter Thumann liest. Thumann wurde erst 20-jährig in Gießen von den Nationalsozialisten wegen Wehrdienstverweigerung aus christlicher Überzeugung ermordet. Neben seinem Brief wurden noch vier weitere Abschiedsdokumente an dem Abend gelesen. Durch die – flüssige – Lesung des jungen Syrers, der selbst wegen Kriegsdienstverweigerung nach Krefeld geflüchtet ist, wird der Bezug zu heutigen Verfolgungssituationen greifbar. Historiker Dr. Hans Hesse untermauerte den Abend mit vielen aktuellen Forschungsergebnissen.
Irene Feldmann, selbst Historikerin bei der Geschichtswerkstatt Aurel Billstein, konnte ganz neue Dokumente an dem Abend präsentieren. Billstein, selbst als Kommunist Opfer der NS-Diktatur, betätigte sich als Chronist der Geschehnisse und hinterließ auch Dokumente zur Krefelder Opfergruppe der Zeugen Jehovas, die nun ausgewertet werden. Mit Blick auf die Erinnerungskultur stellte Sandra Franz fest, dass es eine „Hierarchie der Opfergruppen“ – etwa wegen Skepsis gegenüber einer religiösen Haltung – nicht geben dürfe. (Text von Christiane Willsch, Mitarbeiterin des Kommunalen Integrationszentrum. Frau Willsch hat den Abend gemeinsam mit Sandra Franz geplant und durchgeführt. Eine längere Version ihres Artikels wird im nächsten Merländer-Brief zu lesen sein.)

Weitere Meldungen

Unserem Aufruf zur ehrenamtlichen Mitarbeit sind sehr viele engagierte Krefelder*innen gefolgt. Wir sind begeistert und gerührt und freuen uns über jedes Angebot. In den kommenden Wochen finden individuelle Treffen statt, bei denen über einer Tasse Kaffee besprochen werden kann, wie die jeweilige Unterstützung aussehen kann und soll. Zunächst aber einmal ein herzliches Dankeschön an alle und wieder die Erkenntnis #wirsindmehr. Auch allen neuen Mitgliedern ein herzliches Willkommen, größer als bei der aktuellen Runde war
der Ansturm der neuen Anträge noch nie. Jeder davon macht einen entscheidenden Unterschied in unserer Arbeit. In den kommenden Wochen gehen die Bestätigungsschreiben raus.

Und diese Woche haben wir unsere neuen Workshop Formate für die schulische und außerschulische Bildung vorgestellt. Anhand von biographischen Beispielen werden die einzelnen Opfergruppen der nationalsozialistischen Verfolgung im lokalen Kontext den Gruppen nähergebracht, die Workshops sind dabei in vier Schwerpunkte unterteilt:

Vorgeschichte, Biographie, Verfolgungsgeschichte und Kontinuitäten und Erinnerung an die Opfergruppe nach 1945. Die ersten drei Beispiele können ab Anfang November bei uns gebucht werden: Die Historikerin Sabine Reimann, die aktuell in Elternzeitvertretung den Erinnerungsort Alter Schlachthof leitet, hat in unserem Auftrag die Materialien für die Gruppe der Männer, die nach §175 als homosexuell verfolgt wurden, erarbeitet, die Historikerin Astrid Hirsch, Mitarbeiterin der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, erstellte die Materialien
für die Gruppe der Sinti und Roma und Sandra Franz erstellte die Materialien für die als jüdisch verfolgten Krefelder*innen. Die Workshops können einzeln und vergleichend bearbeitet werden. Wir hoffen, dass das Angebot von den Krefelder Schulen gut angenommen wird!

Veranstaltungshinweis
Ab dem 22 Oktober finden an drei Terminen in Kooperation mit dem Werkhaus e.V. Südbahnhof das Projekt Retrospektive statt: Die Bewohner des Bezirks rund um den Südbahnhof liefern mit ihren Geschichten Vorlagen für ein interaktives Stadtteilprojekt. Nach fachlicher Recherche wurden gemeinsam mit Künstlern drei Standorte nach historischen, stadtteilbezogenen Geschichten ausgewählt. Künstler legen Perspektiven fest, aus denen die Passanten ihre Blicke in die Vergangenheit und in die Gegenwart richten: Was ist sichtbar und was verbirgt sich hinter dem Sichtbaren? Der erste Termin (am 22. Oktober ab 14:00 Uhr am
hansahaus gegenüber dem Hauptbahnhof Krefeld) wird historisch von der Historikerin Sabine Reimann betreut, die nachfolgenden Termine (20. November und 3. Dezember) von Sandra Franz, Leiterin der NS-Dokumentationsstelle. Nähere Informationen folgen.



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