Termin + Empfehlung | „Hannes und Paul“ - Spiel und Buch von Elke Schmidt

Veranstaltung im Rahmen des Roze Zaterdages am 3.6.2019 in der Fabrik Heeder

Termin ist der 3.6., 20 Uhr in der Fabrik Heeder, VVK ab 13.5. während der Öffnungszeiten im Kulturbüro. Tickets 14€, 7,50€ ermäßigt. Eine Veranstaltung im Rahmen des Roze Zaterdages 2019.

„Hannes und Paul“
Spiel und Buch von Elke Schmidt
frei nach“Pyramus und Thisbe“ aus den "Metamorphosen" von Ovid

1943, Bombennacht in einer deutschen Stadt

Frau Schumann sitzt  in ihrer Küche und strickt  für die Ostfront.
Sie hat gerade ihren Sohn verloren, nicht an den Krieg - an die Liebe       ...

Die Liebe  mit 16!

Da ertönt der Vorarlarm. Ein Nachbar klopft. Noch zwanzig Minuten Zeit bis zu einem der zahlreichen Luftangriffe.

Doch Sie hört den Alarm nicht. Sie hat ihr Kästchen wiederentdeckt...

Ein Kästchen voller Erinnerungen an ihren Sohn ...

Sie  sieht Hannes als Baby und die eigenwilligen "großdeutschen" Erziehungsmethoden ihres Mannes, sie sieht noch einmal die Begeisterung ihres inzwischen 6jährigen, geschürt von der Euphorie des Vaters, als anläßlich der Machtergreifung Hitlers tausende von Kindern in Braunhemden
singend durch die Straßen marschieren, sie sieht Hannes im Alter von 10 Jahren als „Pimpf“ und schließlich sieht sie ihn als Jugendlichen in sein Schicksal laufen.

Das beginnt im  Lateinunterricht mit  „Pyramus und Thisbe“ ....Hannes spielt den Pyramus  und sein Freund Paul die Thisbe ..und beide müssen erkennen, dass da mehr als Freundschaft zwischen ihnen wächst und plötzlich beginnen Leben  und Spiel, sich miteinander zu verflechten.... und sie
kommt ....  die erste Liebe       ...


Spiel und Buch:  Elke Schmidt
Bühnenregie:     Neville Tranter (Stuffed Puppet Theatre)

Textregie:         Christian Schweiger
Musik:               Peter Dirkmann

Sprecher:          Thomas Friebe
Ausstattung:     Seifenblasen-Figurentheater
Dauer:               ca. 75 Minuten


Zielpublikum: Erwachsene und Jugendliche ab 10 Klasse in den Fächern Geschichte, Latein und Gesellschaftswissenschaften


Die Inszenierung

Die Besonderheit dieser Inszenierung liegt in der Verschmelzung zweier auf den ersten Blick vollkommen unterschiedlicher Themen: „Homosexualität  im Nationalsozialismus“ und  „Pyramus et Thisbe“, 2000 Jahre alte Liebeslyrik in Lateinischer Sprache – funktioniert das ??

Generationen  von Schülern quälen sich durch den Lateinunterricht und bemerken vor lauter gelangweiltem Weghören gar nicht, dass diese von ihnen für tot erklärte Sprache sehr poetisch und äußerst lebendig genau das beschreibt, was (nicht nur) die Jugend noch heute, in diesem Fall 2000
Jahre später, bewegt: Pubertät, Identität, Liebe, Haß, Verzweiflung und vor allem der Wunsch,
einen Partner zu finden mit dem man ganz und gar eins werden kann, zusammengehören, bis über den Tod hinaus.

Die  Geschichte von Pyramus und Thisbe ist so zeitlos, dass sie immer wieder  als Quelle der Inspiration zu bedeutenden Werken geführt hat – z.B. Giovanni Boccaccio´s „Decameron“, oder William Shakespear`s „Romeo und Julia“.

Natürlich kann man heute kein Stück in lateinischer Sprache auf die Bühne bringen, das wollen wir auch gar nicht. Aber dennoch wollen wir mit der Sprache spielen, wir werden sie im Hintergrund präsent halten. Es geht uns nicht darum, ihren Sinn intellektuell zu erfassen, sondern es geht uns um ein emotionales Verstehen, denn Sprache ist mehr als Vokabeln und Grammatik und vor allem: Eine Sprache, die man nicht mehr spricht, ist noch lange nicht tot!

Das Eine wird „totgesagt“, das Andere „totgeschwiegen“

Homosexualität im dritten Reich ist bis heute kein Thema, über das „man“ spricht. Für  das von Homosexuellen erlittene Unrecht im Nationalsozialismus gab es nicht nur keine Entschädigung, sondern der Anti – Homosexuellen – Paragraph 175 hat seinen Weg sogar auch ins bundesrepublikanische Gesetzbuch gefunden. Selbst die Verschärfungen von 1935 wurden noch 1957  als „ordnungsgemäß zustande gekommen“ bestätigt. 100 000  Homosexuelle wurden in der Adenauerära als Täter nach §175 ermittelt, davon jeder zweite rechtskräftig verurteilt.

Trotz  einer schrittweisen Aufhebung des Paragraphen in den Jahren 1969 und 1973 und ungeachtet des Gesetzes zur Lebenspartnerschaft im Jahre 2001 ist die Akzeptanz  von „Schwulen“  in der Bevölkerung auch heute noch, 65 Jahre später, eher gering. Unter Jugendlichen geht sie sogar stark zurück und es kommt immer häufiger zu Mobbing–Verhalten an Schulen.

Die  Geschichte von Hannes und Paul bietet die Möglichkeit, die Dinge aus einer sicheren Entfernung zu betrachten, spielt sie doch in einer längst vergangenen Zeit in einem längst überwundenen Unrechtsregime und wäre so heute sicher nicht mehr möglich – oder vielleicht doch?

Auch heute noch stehen homosexuelle Jugendliche unter enormem Druck, sei es, weil sie versuchen, ein „Heteroleben“ vorzutäuschen, oder, weil ihrem Outing (oder gar ihrem geoutet  werden!) ein Spießruten laufen in Schule und Familie folgt, oder auch, weil sie einfach Angst davor haben, dass so
etwas folgen könnte!

Neuere Studien aus der Schweiz zeigen, dass homosexuelle Jugendliche ein deutlich höheres Suizidrisiko haben, als andere Jugendliche. (siehe www.pinkcross.ch)

Die Tragödie zweier Kinder, die sterben, weil niemand ihnen hilft, mit ihrer Homosexualität zu leben  - so unwahrscheinlich ist das gar nicht!

Das  Unrecht im dritten Reich können wir  nicht mehr ungeschehen machen, aber es wird Zeit, darüber zu sprechen – und die Brücke zur heutigen Zeit zu schlagen.

Siehe auch http://www.seifenblasen.de/papoo/index.php?menuid=15&reporeid=49


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