Stolpersteine für Krefeld

Initiativen in Krefeld

Der jüngste Verlegetermin fand am 16. Februar 2016 statt. Weitere Wünsche sind bereits ausgesprochen und warten auf die kritische Masse: bei 15 Steinen leitet der Villa Merländer e.V. das Genehmigungsverfahren ein. Hilfreich ist natürlich, wenn man eine bestimmte Idee verfolgt und vielleicht auch schon selbst eine Zustimmung des Hausbesitzers schriftlich in den Händen hat (Unterschrift reicht): Hiermit erkläre ich xxx yyyyy, dass ich gegen die Verlegung von Stolpersteinen vor meinem Haus an der üüüüü straße keine Einwände habe.

Hier folgen die Biografien der Personen, für die am 16. Februar Stolpersteine verlegt wurden:

Alte Krefelder Str. 39 – Familie Daniels

In dem Wohnkomplex an der Alten Krefelder Straße wohnte die Familie Daniels, bestehend aus der Witwe Marta Daniels und ihren Kindern Kurt, Ruth und Werner. Der Vater war Kaufmann gewesen und hatte das traditionelle Familiengeschäft, einen Handel mit Gebrauchspferden, nach einigem Zögern übernommen. Doch die Geschäfte liefen schlecht und er musste während der Weltwirtschaftskrise schließen. Im Juli 1932 starb Hermann Daniels.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Kurt seine Lehre im Textilhandel abgeschlossen und arbeitete in verschiedenen vorwiegend jüdischen Firmen. Auch Ruth Daniels hatte die Höhere Schule bereits verlassen und nahm verschiedene Stellungen als Sekretärin an. Die Geschwister verloren wiederholt die Arbeit, weil jüdische Inhaber schließen mussten. Nesthäkchen Werner hatte einstweilen das Privileg das Realgymnasium am Moltkeplatz zu besuchen. Als seine Mutter das Schulgeld nicht mehr aufbringen konnte, bekam er sogar ein Stipendium.

Obwohl der Antisemitismus auch in Uerdingen deutlich spürbar war, überraschte der Gewaltausbruch des Novemberpogroms die Daniels. Der Familie passierte zwar nichts, aber man bekam nur zu deutlich mit, was anderen zustieß. Die Kinder beschleunigten ohnehin bestehende Pläne das Land zu verlassen. Ruth fand 1938 anscheinend ohne größere Probleme eine Anstellung als Krankenschwester in London. Kurt und Werner gingen im Abstand einiger Wochen nach Belgien, wo die Familie Verwandtschaft hatte. Werner, der im Februar noch sein Abitur hatte machen können, hoffte, dass er in Belgien oder Frankreich studieren würde können. Die Mutter Marta zog nach Wuppertal, weil sie ihren Bruder, der als Soldat im Ersten Weltkrieg erblindet war, nicht allein lassen wollte. Sie wurde1942 aus Wuppertal nach Theresienstadt deportiert und von dort 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz.

Der Einmarsch der Deutschen in Belgien veranlasste Kurt und Werner nach Südfrankreich zu fliehen. Sie wurden jedoch wenige Monate später in den Lagern für unerwünschte Ausländer nördlich der Pyrenäen festgesetzt. Kurt wurde aus einem Lager über Drancy nach Auschwitz gebracht und dort 1942 ermordet. Werner war aus dem Lager geflohen und hatte sich der Resistance angeschlossen. Unter dem Namen René Dizier erlebte er die Befreiung. Wie seine Schwester Ruth kehrte er nicht nach Deutschland zurück.


Bruchstr. 31 – Familie Mayer

Das Ehepaar Max Mayer und seine Frau Rosel geb. Kaufmann wohnten ursprünglich in Lank. Auch die drei Kinder wurden dort geboren: 1921 kam Ruth zur Welt, 1924 das Zwillingspaar Doris und Alfred. Max Mayer eröffnete 1930 sein eigenes Ladengeschäft in Uerdingen. Es befand sich in einem Haus, in dem seine Schwiegermutter wohnte.  Rosel Mayer, die eigentlich Putzmacherin gelernt hatte, stand dort dann als „mithelfende Familienangehörige“ hinter der Theke.

Während des Novemberpogroms wurde Max Mayer verhaftet und nach Dachau deportiert. Er wurde aus dem Lager entlassen, um seinen Betrieb zu verkaufen. Danach wurde er beim Tiefbau zwangsverpflichtet. Ob die Familie zu diesem Zeitpunkt versuchte aus Deutschland zu fliehen, ist nicht dokumentiert.

Die ganze Familie Mayer wurde 1941 bei der ersten Deportation aus Krefeld nach Lodsch (Litzmannstadt) „umgesiedelt“. Sie  schaffte es dort bis kurz vor der Auflösung des Ghettos zusammenzubleiben. 1944 wurde Alfred in ein anderes Arbeitslager deportiert. Ruth verschleppte man nach Kulmhof, wo sie ermordet wurde. Die Wege der restlichen Familie gingen erst im August 1944 in Auschwitz auseinander. Rosel und Doris starben im Konzentrationslager Stutthof. Max Meyer überlebte die Befreiung in Bergen-Belsen nur um einen Monat.


Uerdinger Str. 412 –Familie Gompertz

Haus Schönhausen wurde1918 (samt umliegendem Park) an Max Gompertz  verkauft, der dort mit seiner großen Familie einzog. Aus einer ersten Ehe hatte der Witwer vier Kinder: Henriette, Georg, Klara und Ruth, die zwischen 1902 und 1907 geboren worden waren. Die älteste war zum Zeitpunkt des Kaufes gerade 16 Jahre alt. Mit seiner zweiten Frau Ilse bekam Max eine weitere Tochter, die Esther genannt wurde. Sie kam 1919 zur Welt.

Max Gompertz war kein erfolgreicher Geschäftsmann. Durch die Weltwirtschaftskrise verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation der Familie. Sie musste 1932/33 das Haus verkaufen. Es ging an die Stadt Krefeld. Bis 1936 war es Max Gompertz  jedoch möglich mit seiner Frau und den Kindern Georg, Ruth und Esther im Haus Schönhausen wohnen zu bleiben.

Nicht ganz freiwillig zog die Familie aus, zunächst in die Elisabethstraße.  Nach dem Novemberpogrom flohen Ruth und Esther nach Australien, Georg nach Shanghai. Das Elternpaar wurde 1941 zum Umzug in das „Judenhaus“  Stadtarten 12 gezwungen. Im Juli 1942 gehörten sie zu den 223 Menschen über 65 Jahren, die in das Lager Theresienstadt deportiert wurden. Max und Ilse Gompertz  wurden im September 1942 im Vernichtungslager Treblinka ermordet.

Auch die beiden Töchter, die das Elternhaus schon lange verlassen hatten, wurden von der Judenverfolgung erfasst. Henriette Bernheim wurde in Auschwitz-Birkenau ermordet. Klara Stern beging nach der Zustellung des Deportationsbefehls Selbstmord.


Bogenstr. 73 – Familie Wihl / Goldstein

Das Haus Bogenstraße 73 war im Besitz der Familie Wihl. Genauer gesagt, gehörte es der Witwe Wilhelmine Wihl, geb. Leyser. Es war das Elternhaus ihrer fünf Kinder Hedwig, Emil, Thekla, Friedrich-Josef und Erna Wihl. Erna Goldstein, geb. Wihl lebte dort mit ihrem Mann Alfred Goldstein und dem 1922 geborenem Sohn Edgar. 1935 muss Alfred Goldstein sich unvorsichtig geäußert haben oder sonst wie aufgefallen sein, jedenfalls wurde ihm „Heimtücke“ vorgeworfen. Da das seinerzeit als politische Straftat galt, brachte er sich über die Grenze in die Niederlande in Sicherheit. Frau und Sohn folgten ihm. Die ganze Familie wurde 1939 aus dem Deutschen Reich ausgebürgert.

Derweil starb Wilhelmine Wihl 1938 – mit 82 Jahren – einen natürlichen Tod. In der Bogenstraße wohnte noch der zweite Sohn Friedrich-Josef. Er war als Soldat im Ersten Weltkrieg schwer verwundet worden, vielleicht ein Grund, warum er ledig blieb. Die Schwerbehinderung wurde mit 70 % anerkannt und er bezog deswegen eine kleine Rente. Als Beruf wurde auf der Meldekarte „Metzgergeselle“
angegeben. Trotz seiner Behinderung gehörte Friedrich-Josef Wihl zu den ersten Juden, die aus Krefeld deportiert wurden. Da Lodsch („Litzmannstadt“) in das Deutsche Reich eingegliedert war, gehörte auch das von den Deutschen eingerichtete Ghetto zum Deutschen Reich. Folglich hatte der kriegsversehrte Herr Wihl weiter Anspruch auf seine Rentenzahlung – bis er am 8. Mai 1942 in Kulmhof (Chelmno) vergast wurde.

Erna Goldstein und ihre Familie waren in den Niederlanden durch die Besetzung der Deutschen wieder in Reichweite der Nationalsozialisten geraten. Erna Goldstein gelang es unterzutauchen und durch die Hilfe vieler Niederländer zu überleben. Was mit Sohn Edgar geschah, ist unbekannt. Er war 1940 achtzehn Jahre alt und ein junger Mann in diesem Alter fiel unweigerlich auf – warum arbeitete er nicht in den Niederlanden oder in Deutschland in der Rüstungsindustrie?

Überliefert ist das traurige Schicksal von Alfred Goldstein. Er wurde noch 1944 in Westerbork interniert, nach Bergen-Belsen deportiert und dort am 24. Dezember ermordet. Thekla Scheuer geb. Wihl war die einzige, die nach dem Krieg nach Krefeld zurückkehrte. Sie starb 1962 und ist neben ihren Eltern auf dem neuen jüdischen Friedhof bestattet worden.


Lohstr. 58 - Heinrich Plum

Heinrich („Heiner“) Plum war Mitglied der Kommunistischen Partei. Der Arbeiter – er hatte sich vom Knecht zum Steinformer ausgebildet – war als politischer Leiter  der mitgliederstarken Partei kein Unbekannter, auch bei den politischen Gegnern nicht.  1933 gehörte er zu den politischen Mandatsträgern, die ohne konkreten Tatvorwurf in die ersten Konzentrationslager kamen. Im September wurde er auf „Ehrenwort“ entlassen. Doch Heiner Plum und Genossen versuchten ein illegales Netzwerk der KPD zu errichten. Dieser Versuch wurde verraten und ihm (und vielen anderen) wurde der Prozess gemacht. Nach Verbüßung der Strafe wurde er noch am Krefelder Bahnhof von der Gestapo in Empfang genommen und in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Regelmäßige Entlassungsgesuche wurden ebenso regelmäßig abgelehnt. So blieb er sechs Jahre in Buchenwald, bis zur Befreiung durch amerikanische Soldaten. Körperlich war er ein gebrochener Mann. Seine Heimkehr nach Krefeld überlebte er nur wenige Jahre.


 

 

Spender für weitere Stolpersteine in Krefeld gesucht

In Krefeld sind noch lange nicht alle wichtigen Häuser, die von Verfolgten bewohnt waren, mit Stolpersteinen markiert. In einigen Häusern wohnten große Familien, die auf verschiedene Weise Opfer des Nationalsozialismus wurden. Besonders dort fehlen noch Spenderinnen und Spender für Stolpersteine.

+++ Die 120 Euro für einen Stein werden erst einen Monat vor der Verlegung fällig. Eine Überweisung ist aber auch sofort möglich, wenn die NS-Dokumentationsstelle den Vorgang bestätigt.

+++ Spendenkonto Villa Merländer e. V., IBAN DE76 3205 0000 0000 3438 06,
Stichwort: Ein Stolperstein für ____ (Bitte Namen eintragen)