Stolpersteine für Krefeld

Initiativen in Krefeld

Der jüngste Verlegetermin fand am 8. Mai 2017 statt. Die nächste ist für den 2. Februar 2018 geplant. Diese Orte stehen schon fest. Spenderinnen und Spender gibt es auch. Aber es sind noch kleine Spenden nötig, denn es gilt auch Nebenkosten zu finanzieren. Weitere Wünsche sind bereits ausgesprochen und warten jeweils auf die kritische Masse: bei 15 Steinen leitet der Villa Merländer e.V. das Genehmigungsverfahren ein. Hilfreich ist natürlich, wenn man eine bestimmte Idee verfolgt und vielleicht auch schon selbst eine Zustimmung des Hausbesitzers schriftlich in den Händen hat (Unterschrift reicht): Hiermit erkläre ich xxx yyyyy, dass ich gegen die Verlegung von Stolpersteinen vor meinem Haus an der üüüüü straße keine Einwände habe. Wenn man den Hausbesitzer nicht persönlich kennt, übernimmt der Villa Merländer-Verein diese Aufgabe. 

Die Kontaktperson im Villa Merländer-Verein ist Sibylle Kühne-Franken, zu erreichen unter stolpersteine-krefeld(at)gmx.de

Und hier noch die Kurzbiografien der Personen, für die am 8. Mai 2017 Steine verlegt wurden: 

Bahnhofstr. 48 – Familien Herz und Coppel 
In diesem Haus wohnte das Ehepaar Salomon und Anna Herz geborene Kaufmann. Das Paar bekam sechs Kinder. Als die Verfolgung durch die Nationalsozialisten begann, war Anna Herz bereits Witwe. Ihr Mann Salomon war 1929 gestorben. Im Haus lebte nur noch ein Teil der bereits erwachsenen und verheirateten Kinder: Hermann (Jg. 1899) mit Elisabeth geborene Katz (Jg. 1902), Antonie Coppel geboren Herz (Jg. 1903) und ihr Mann Alfred (1909), sowie Hedwig Herz (Jg. 1919). 
Anna Herz (Jg. 1873) hatte von ihrem Mann Salomon einen Metallbetrieb auf der Niederstr. 129 und die Wohnhäuser Bahnhofstraße 44 und 48 geerbt. Das Unternehmen wurde 1939 liquidiert, die Häuser an die Firma Holtz & Willemsen verkauft. Anna Hertz musste Uerdingen verlassen. Ihre Anschrift in Krefeld war ab April 1939 Oelschlägerstr. 63. Im Juli 1941 folgte ein erzwungener Umzug in das Judenhaus Peterstr. 30 a, im November in das Judenhaus Westwall 50. Als letzte der Familie wurde sie von dem „Altentransport“ im Juli 1942 nach Theresienstadt erfasst. Dort lebte sie nur wenige Monate unter unsäglichen Bedingungen. Im September 1942 folgte der Transport in das Vernichtungslager Treblinka, wo sie wahrscheinlich kurze Zeit nach der Ankunft vergast wurde. 
Hermann Herz, der älteste Sohn, war zur Hälfte Mitinhaber der Maschinenbaufirma Firma Overbeck und & Co., Eupener Straße 167 (Nauenweg 31), und lebte mit seiner Frau Elisabeth in seinem Elternhaus. Elisabeth war von Beruf Stenotypistin. Das Ehepaar machte die ersten Umzüge von Anna Herz mit, wurde aber schon im April 1942 nach Izbica deportiert. Dort verliert sich die Spur, so dass man nicht sagen kann, ob Hermann und Elisabeth Herz vor Ort oder in den Vernichtungslagern Belzec oder Sobibor ermordet worden sind. 
Antonie Herz war Gärtnerin und hatte einen Gartenbaubetrieb in Hohenbudberg, Duisburger Str. 249. Die Blumen verkaufte die Gärtnerei Herz unter anderem auf dem Uerdinger Wochenmarkt. Im April 1938 kam es hier zu einer privaten Boykottaktion eines 21-jährigen HJ-Fähnleinführers. Die Aktion führte dazu, dass der Marktstand abgebaut werden musste. Im September 1938 heiratete Antonie Herz ihren Angestellten Alfred Coppel. Die Gärtnerei wurde zwangsweise an Josef Grosse-Brockhof verkauft. Mit dem Rest der Familie musste das Ehepaar Coppel 1939 Uerdingen verlassen. Von der Petersstraße 30a aus wurden die beiden 1941 mit der ersten Deportation aus Krefeld nach Lodsch verschleppt. Sie überlebten dort bis zur Auflösung des Ghettos 1944 und überstanden eine weitere Deportation nach Auschwitz. Vom KZ Auschwitz ging es für Antonie Coppel weiter in das KZ Stutthof. Sie starb am 1. Dezember 1944 in Stutthof. Auch für Alfred Coppel ging es noch weiter. Man zwang man ihn in das Außenlager des Konzentrationslager Dachau Kaufbeuren-Riederloh, wo er am 15. Dezember 1941 starb. 
Hedwig Herz war das Nesthäkchen in der Familie. Bis zum Mai 1933 besuchte sie das heutige Ricarda-Huch-Gymnasium. Im Februar 1939 gelang ihr die Emigration nach Großbritannien. Wahrscheinlich hatte sie dabei die Unterstützung ihrer älteren Schwester Babette, die schon 1933 nach England ausgewandert war, weil man ihr in Deutschland die Zulassung als Ärztin verweigert hatte. 

Niederstraße 38 – Familie Goldschmidt 
Unter dieser Anschrift war das Ehepaar Hermann Goldschmidt und Jeanette Goldschmidt geborene Leven gemeldet. Hermann war 1870 in Oedt geboren und Kaufmann von Beruf. In Uerdingen war er Besitzer der Firma S. Leven, Großhandel für Metzgereibedarf. Das Ehepaar hatte eine Tochter, Karoline. Sie heiratete 1927 einen Sohn der Familie Horn und lebte mit ihm bis zur gemeinsamen Auswanderung im Februar 1939 in Erfurt. Die Familie Horn emigrierte in die USA. Mit Bekanntgabe auf der Liste 226 wurden unter den Nummern 66 bis 69 Alfred, Karoline, Günter und Manfred Horn aus dem Deutschen Reich ausgebürgert. 
Über Jeanette, die 1866 in Uerdingen geboren wurde, wissen wir nicht viel. Als sie das Novemberpogrom 1938 in Uerdingen miterleben musste, war sie schon 72 Jahre alt. Das Geschäft hatte ihr Mann aufgeben müssen. Mit den Repressalien gegen die Juden gab es nahezu jeden Tag neue Erschütterungen und dann wanderte auch noch das einzige Kind samt Familie nach Amerika aus. Möglicherweise war die Aufregung zu viel für Jeanette Goldschmidt. Sie starb am 22. Oktober 1939 in Krefeld und konnte noch auf dem neuen jüdischen Friedhof beerdigt werden. Auf ihrem Grab befindet sich ein schlichter Stein mit einem Davidstern. 
Der Witwer Hermann Goldschmidt musste Uerdingen verlassen und in die Breite Str. 15, ein „Judenhaus“, umziehen. Als Datum ist auf der Meldekarte der 6. Juni 1942 vermerkt. Schon knapp zwei Monate später - im Alter von 72 Jahren - wurde er nach Theresienstadt  deportiert. Er starb dort am 16. Dezember 1943.

Hohenzollernstr. 79 – Familie Müller 
Der Krefelder Krawattenfabrikant Rudolf Müller erbaute im Jahr 1928 das Wohnhaus Hohenzollernstraße 79. Rudolf Müller war 1868 in Windesheim bei Bad Kreuznach geboren worden und im Erwachsenenalter nach Krefeld zugezogen. Hier gründete er 1901 die Krawattenfabrik Gebrüder Müller. Ab 1920 ist der Standort Steinstraße 76 im Krefelder Adressbuch bezeugt. Er konnte das Unternehmen beträchtlich ausbauen, so dass es selbst nach der Halbierung der Umsätze der jüdischen Firma in der NS-Zeit 1938 noch 80 Mitarbeiterinnen und ebenso viele Heimarbeiterinnen beschäftigte. 
Seine Ehefrau Sophie Hirsch (Jg. 1887) stammte aus Wiesbaden. Ihre beiden Söhne Kurt und Leopold wurden 1902 beziehungsweise 1905 in Krefeld geboren. Kurt wurde Kaufmann und stieg in das Krawattengeschäft ein. 1939 heiratete Kurt seine Freundin Edith Goldschmidt und floh mit ihr im Juni desselben Jahres nach Großbritannien und später in die USA. Er nannte sich fortan Ralph K. Miller. Das war häufig eine Vorsichtsmaßnahme für Militärangehörige, damit sie eine deutsch/jüdische Herkunft besser verbergen konnten. 
Von Leopold Müller, dem jüngeren Sohn, wissen wir, dass er Schüler des Realgymnasiums am Moltkeplatz war. Er machte gerne Sport und war ein hervorragender Läufer. Tennis konnte er nur in einem jüdischen Klub spielen, weil er als Jude in keinem anderen aufgenommen wurde. Auch Leopold wurde Kaufmann und war ebenfalls in der elterlichen Firma tätig. Er wanderte 1937 in die Niederlande aus, weil er in Deutschland keine Zukunft für sich sah. 
Nach der deutschen Invasion der Niederlande floh er über Belgien und Frankreich in die Schweiz, wo er Freunde hatte. Als Ausländer wurde er in der Schweiz interniert, bevor er eine Aufenthaltsgenehmigung bekam. Leopold Müller wanderte in die USA aus und nannte sich Eric L. Miller. Er lebte in Weslaco, Texas, sehr nah an der Grenze zu Mexico. 
Ein Jahr nach ihrem Enkel wanderte die Mutter von Sophie Müller, Johanna Hirsch, in die Niederlande aus. Die Witwe von Leopold Hirsch war damals 86 Jahre alt und hatte bislang im Haus ihrer Tochter und des Schwiegersohns gewohnt. Ihre neue Heimat war ein Häuschen in Bussum nördlich von Hilversum, das sie gemeinsam mit zwei etwas jüngeren Frauen bewohnte. Die Flucht in die Niederlande und ihr hohes Alter ersparten ihr 1943 nicht die Internierung im Lager Westerbork. Sie starb dort am 7. Mai 1943 im Alter von 91 Jahren. Ihre Urne wurde auf dem jüdischen Friedhof in Diemen (NL) beigesetzt. 
Doch zurück zu Rudolf und Sophie Müller. Sie erlebten wenige Monate später das Novemberpogrom 1938 in ihrem Haus. Die Verheerungen waren beträchtlich: Möbel waren durch die Fenster geworfen worden, das Geschirr zertrümmert und Gemälde zerschnitten. Eine Hausangestellte erinnerte sich später an das Anrücken der SA auf der Hohenzollernstraße und an das Aufsammeln der Besteck- und Silberbestände im Garten des Hauses nach deren Abzug. 
Die Krawattenfabrik an der Steinstraße 76 musste zwangsweise verkauft werden. Zunächst übernahmen die Prokuristen und ein Kapitalgeber. 1940 wurde die Firma samt Immobilie weiter verkauft und produzierte nun statt Krawatten Textilien für die Wehrmacht. Von dem Geld, das da wanderte, sahen die ursprünglichen Verkäufer nichts. Erst als die Söhne der Müllers bereits ihrerseits Pensionäre waren, erreichten sie 1963 eine finanzielle Entschädigung für diesen Vorgang. 
Im August 1939 konnten Rudolf und Sophie Müller in die Niederlande fliehen. Ihr Haus an der Hohenzollernstraße hatten sie verkaufen müssen. Auch nach diesem Verkauf bekamen sie kein Geld ausgehändigt. Der Käufer, ein ehemaliger Konkurrent, konnte sich einer repräsentativen Immobilie erfreuen, die ohne die Judenverfolgung nicht auf den Markt gekommen wäre. Zusätzlich musste das Ehepaar Müller Abgaben wie die Judenvermögensabgabe und die Reichsfluchtsteuer zahlen. Rudolf Müller rechnete 1939 zusammen: mit 160.525,50 RM Steuern, Abgaben und sonstigem Raub hatte der Staat sein Vermögen nahezu abgeschöpft. Sohn Leopold holte seine Eltern auf dem Bahnhof Nimwegen ab und brachte sie bei sich in Rotterdam unter. Ihr Barvermögen belief sich nun auf die 10 RM, die sie als Devisen mitnehmen durften. 
Die deutsche Invasion im Mai 1941 bekamen die Müllers schon in den ersten Tagen zu spüren. Wehrmachtssoldaten durchsuchten die Wohnung des „Juden Müller“ nach Waffen. Weil Juden nicht in der Küstenregion wohnen durften, mussten sie von Rotterdam nach Driebergen östlich von Utrecht umziehen. Leopold Müller versuchte seine Eltern zur Flucht zu überreden. Sie aber waren der Auffassung, dass Ihnen in ihrem Alter schon nichts passieren würde. Also brachte der Sohn sie bei einer niederländischen Familie unter, bevor er 1942 floh. 
Die Niederlande waren für Juden keine sichere Zuflucht. Im März 1943 wurden Rudolf und Sophie Müller zunächst in dem Lager Westerbork interniert. Theoretisch hätten sie dort auf die Mutter von Sophie treffen können, denn sie wurden erst nach vier Monaten von dort aus in das Vernichtungslager Sobibor deportiert. In Sobibor gab es keine Überlebenschance für alte Menschen, so dass das Datum der Deportation, der 6. Juli 1943 plus drei Tage Transport, also der 9. Juli 1943 als Todesdatum angenommen werden kann. Das Deutsche Reich erklärte im selben Jahr das Vermögen der Müllers als „verfallen“, das heißt, das Finanzamt kassierte auch den Rest auf den eingefrorenen Konten ein.

Hohenzollernstr 46 – Familie Spanier
Eigentümer dieses Hauses war Leopold Spanier. Er war 1871 in Paderborn zur Welt gekommen. In Krefeld hatte der Textilkaufmann ein Herrenbekleidungsgeschäft an der Friedrichsstraße 9, direkt neben der Markthalle. Es war das zweitgrößte Herrenbekleidungsgeschäft in Krefeld und Umgebung. Leopold Spanier war mit Rosa Spanier geborene Leven (Jg. 1877) verheiratet. Sie kam aus einer Krefelder Familie, die offenbar sehr stolz war, deutsch zu sein. Auf dem Grabstein der Levens auf dem neuen jüdischen Friedhof heißt es über Rosas Vater Albert Leven: „Mitkämpfer der Feldzüge 1864 - 1866 - 1870 - 71. Inhaber des Königl. Kronenordens“. Dieser Orden wurde von den preußischen Königen als allgemeiner Verdienstorden verliehen. Rosas erstes Kind war ein Sohn. 

Walter Spanier wurde 1899 geboren. Er machte eine Ausbildung zum Kaufmann. 1935 floh er aus Krefeld  zunächst in die Niederlande und dann nach Belgien. In Brüssel heiratete er 1937 die Witwe Elisabeth von Felner geborene Gillmann (Jg. 1904). 1940 wurde er auf der Flucht vor den Deutschen in Frankreich zeitweise interniert, kam frei und floh weiter über Portugal und Kuba, bis er 1946 in New York ankam. Dort lebte er bis zu seinem Tod 1973. 
Klara Spanier, die Tochter von Leopold und Rosa Spanier, kam im Jahr 1900 zur Welt. Sie heiratete am 27. August 1921 den elf Jahre älteren Richard Rosen. 1922 wurde Klaras Tochter Gerda geboren, im Januar 1925 ihr Sohn Walter. Im Juli 1925 starb Richard Rosen. Diese Zeit dürfte für die 25-jährige Witwe mit zwei kleinen Kindern nicht einfach gewesen sein. In Heinrich Sonnenberg (Jg. 1895) fand sie einen neuen Mann. 1930 wurde die gemeinsame Tochter Marion Sonnenberg geboren. 1935 wanderte die Familie in die Niederlande aus und floh von dort nach Kanada. Klara Sonnenberg oder Claire, wie sie gerufen wurde, starb 1983 in Großbritannien. 
Die in Krefeld gebliebenen Eltern Leopold und Rosa Spanier mussten das Geschäft aufgeben, als die Stadt Krefeld ihnen 1937 den Mietvertrag kündigte. Die neuen Inhaber gelangten schnell zu Wohlstand. 1938 wurden die Spaniers Opfer des Novemberpogroms. Im Januar 1939 verließen auch sie Deutschland. Das Haus an der Hohenzollernstraße wurde vom Deutschen Reich beschlagnahmt und vom Finanzamt Krefeld verwaltet. Die neuen Mieter waren derselbe Clemens Robben und seine Frau, die schon vorher das Textilgeschäft übernommen hatten. 
Wie so viele Krefelder flohen Leopold und Rosa Spanier in die Niederlande. Dieses Land war im Ersten Weltkrieg neutral geblieben und man hatte allgemein die Hoffnung, dass man dort auch im Falle eines Falles sicher sein würde - und leicht wieder zurück nach Krefeld kommen könnte. Das Ehepaar Spanier wohnte in einem hübschen Backsteinhaus in Hilversum. Das sah fast so aus wie in Krefeld, vielleicht etwas weniger luxuriös als die Hohenzollernstraße. 
Im Zuge der Radikalisierung der nationalsozialistischen Judenpolitik und der Besatzungspolitik in den Niederlanden wurde das Ehepaar Spanier in Westerbork interniert und von dort aus in das Vernichtungslager Sobibor deportiert. Als Todesdatum wird der 7. Mai 1943 angenommen. Leopold Spanier wurde 71 Jahre, Rosa Spanier 66 Jahre alt.

Hohenzollernst. 24 – Dr. Ernst Ascher (1876-1944) 
Das Haus Hohenzollernstraße 24 war das letzte Wohnhaus, in dem Dr. Ernst Ascher mit seiner Frau Else geborene Gottschalk zusammenlebte. Dr. Ascher war 1902 von Berlin nach Krefeld gezogen. Er eröffnete eine Praxis als Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten (Dermatologe) am Westwall 63. 
1911 heiratete er Else Gottschalk (Jg. 1891) aus Halberstadt. Die Ehe blieb jedoch kinderlos. Dr. Ernst Ascher leistete im ersten Weltkrieg Militärdienst. Er wurde dafür mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet. Das Studium in Berlin und die Kriegsteilnahme hatte er mit seinem Arztkollegen Dr. Kurt Hirschfelder gemeinsam. Das war eine Grundlage für eine lang anhaltende Männerfreundschaft mit dem bekannten Kinderarzt. 
Nach 1933 konnte Dr. Ascher seine Praxis nicht lange weiterführen, obwohl er als ehemaliger Kriegsteilnehmer auch nach 1933 noch seine Zulassung als Kassenarzt hätte behalten können. Es begann eine aufreibende Zeit mit häufigen Wohnungswechseln, bei denen nicht zu sagen ist, welche noch als „freiwillig“ gelten können. Die Hohenzollernstraße war auf jeden Fall die letzte gemeinsame Wohnung des Ehepaares Ascher. 
1938 muss für Dr. Ascher ein furchtbares Jahr gewesen sein. Am 29. April 1938 starb seine Frau im Alter von 47 Jahren, wahrscheinlich eines natürlichen Todes. Am 25. April 1938 wurde ihm – wie allen jüdischen Ärzten – mit Wirkung vom 30. September 1938 die Zulassung entzogen. Danach hätte er bestenfalls noch als „Krankenbehandler“ für jüdische Patienten tätig sein können. Am 9. November erlebte er das Novemberpogrom in Krefeld. Trotzdem verließ er das Land nicht, wie es zwei seiner Geschwister getan hatten. Im März 1941 musste er in das „Judenhaus“ Nordwall 75 einziehen. 
Von dort wurde er im Juli 1942 unter Zwang nach Theresienstadt „umgesiedelt“. Im Altersghetto konnte er sich bis zum 15. Mai 1944 halten, möglicherweise nutzte man seine Fähigkeiten als Mediziner. Trotzdem wurde er zu jenem Zeitpunkt in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Sein Todesdatum ist nicht genau bekannt, dürfte aber kurz nach dem Deportationsdatum liegen. Dr. Ernst Ascher wurde 68 Jahre alt.

Nordwall 80 - Auguste Hertz (1859-1942) 
Auguste Hertz wurde am 15. August 1859 in Krefeld geboren. Ihre Eltern hießen Simon (1818-1907) und Johanna Hertz geb. Schwabacher (1830-1905). Sie waren um 1859 von Rheinberg nach Krefeld gezogen. Das Ehepaar bekam im Jahresabstand vier Kinder: Hermann (Jg. 1857), Abraham (Jg. 1858), Auguste (Jg. 1859) und Max (Jg. 1860). Hermann war nach dem Handelsregister von 1926 Besitzer der Krawattenfabrik Gebrüder Hertz. Über Max und Abraham fanden sich keine weiteren Informationen. Das Grab von Simon und Johanna Hertz blieb auf  dem neuen jüdischen Friedhof erhalten. 
Die einzige Tochter Auguste Hertz blieb unverheiratet. Sie wohnte am Nordwall 80. Ob sie einen Beruf hatte, ist unbekannt, denn auf ihrer letzten Meldekarte ist „Rentnerin“ angegeben, im Adressbuch von 1926 steht hinter ihrem Namen „Frl.“ für Fräulein. Diese Anrede galt damals nicht nur für junge Mädchen, sondern für alle unverheirateten Frauen. 
Als Jüdin unterlag Auguste Hertz alle den Maßnahmen des NS-Regimes, die dazu ausgedacht wurden, um Juden zu diskriminieren und zu drangsalieren. Ab 1938 teilte man ihr staatlicherseits den zweiten Vornamen „Sara“ zu, mit dem sie nun auch unterschreiben musste. Im August 1941 zwang die Stadt sie in die Nordstraße 15 umzuziehen. 
Das Haus gehörte Henriette Hertz, geb. Wolf mit ihren Töchtern Therese (56 J.) und Adelheid (49 J.) und ihrem Sohn David (54 J.). Diese Familie war (soweit wie aus den Quellen ersichtlich) nicht direkt mit Auguste Hertz verwandt. Sie ist hier angeführt, um ein Beispiel für das Schicksal der Hausgemeinschaft zu geben. David wurde im Dezember 1941 nach Riga deportiert. Weitere Menschen aus dem Haus wurden zwangsdeportiert und verschwanden nahezu spurlos. Rosa Frankenberg, auch in der Nordstraße 15 wohnhaft, beging vor ihrer Deportation im April Selbstmord. Henriette Hertz starb im Juni 1942 kurz vor ihrem 92. Geburtstag. 
Therese, Adelheid und Auguste wurden erst von der letzten großen Deportation aus Krefeld erfasst. Mit den anderen noch in Krefeld verbliebenen Juden zwang man sie im Juli 1942 die Stadt zu verlassen. Die unfreiwillige Reise ging mit dem Zug über Düsseldorf nach Theresienstadt. Der Staat versuchte dieses Lager als besonders komfortables „Altersghetto“ zu verkaufen. Tatsächlich waren die Lebensumstände dort unsäglich. Es begann ein Überlebenskampf gegen Schmutz, Ungeziefer, Durst, Hunger, Hitze und die Krankheiten, die daraus entstanden. Auguste Hertz durchlitt diesen von Menschen  geschaffenen Horror nur zwei Monate. Als Todesdatum für Auguste Hertz wurde beim Standesamt in Arolsen der 23. September 1942 angegeben. Sie wurde also knapp 83 Jahre alt. Durch ihren Tod entging sie wahrscheinlich einer weiteren Deportation in das Vernichtungslager Treblinka.

 

 

Spender für weitere Stolpersteine in Krefeld gesucht

In Krefeld sind noch lange nicht alle wichtigen Häuser, die von Verfolgten bewohnt waren, mit Stolpersteinen markiert. In einigen Häusern wohnten große Familien, die auf verschiedene Weise Opfer des Nationalsozialismus wurden. Besonders dort fehlen noch Spenderinnen und Spender für Stolpersteine.

+++ Die 120 Euro für einen Stein werden erst einen Monat vor der Verlegung fällig. Eine Überweisung ist aber auch sofort möglich, wenn die NS-Dokumentationsstelle den Vorgang bestätigt.

+++ Spendenkonto Villa Merländer e. V., IBAN DE76 3205 0000 0000 3438 06,
Stichwort: Ein Stolperstein für ____ (Bitte Namen eintragen)