Das Bronzerelief "Kevelaerer Apokalypse" von Bert Gerresheim

Die Marienbasilika in Kevelaer ist ein Kirchenbau aus dem 19. Jahrhundert. Die Gemeinde hatte den Kölner Dombaumeister Vincenz Statz als Architekten verpflichtet, weil er sich auf die Nachahmung des gotischen Stils spezialisiert hatte. Äußerlich erkennbar ist der gotische Stil an den großen, hochgezogenen Fenstern mit spitzen Bögen und den durchbrochenen Steinverzierungen - dem sogenannten Maßwerk. Sinn der gotischen Bauweise waren möglichst durchsichtige Wände. Das Licht sollte durch bunte Glasfenster einfallen und die Kirche in ein funkelndes Abbild des himmlischen Jerusalems verwandeln.

Auch zwischen Turm und Hauptportal der Marienbasilika in Kevelaer war so ein großes Fenster vorgesehen. Wenn Sie diese Fläche heute mit den Augen absuchen, erkennen Sie zwar noch das Maßwerk, also die durchbrochene Steinverzierungen, dazwischen aber kein Glas.

Stattdessen sehen Sie viele, viele Figuren aus grünlichem Metall – ein richtiges "Wimmelbild". Es handelt sich um ein Bronzerelief des Bildhauers Bert Gerresheim aus dem Jahr 2002. Sein Thema heißt "Die Apokalypse". Damit ist die christliche Vorstellung gemeint, dass es nach dem Weltuntergang, der so genannten Apokalypse, eine Auferstehung aller Toten und ein göttliches Gericht geben wird. Zum "Jüngsten Gericht" ruft Christus alle Menschen bei ihrem Namen. Nachlesen kann man diese Vision in der Bibel, in der Offenbarung des Johannes.

Das erste, was man über das Relief von Bert Gerresheim sagen kann, ist dass sich in dem Chaos eine Ordnung von unten nach oben ergibt. Jedenfalls scheinen alle Figuren, die unten sind, nach oben zu wollen. Unten ist ein derartiges Gedrängel, dass die Menschen über den Steinrand hinwegzuquellen scheinen.

Wenn Sie etwas länger hinsehen, können Sie erkennen, dass auf der Mittellinie drei besondere Figuren eingefügt sind. In dem oberen Kleeblatt in dem Dreieck unten hält ein Engel ein Buch, von dem sieben Siegel herabhängen. Dieses Buch ist sehr wichtig für die Geschichte vom Weltenende, weil die Siegel gebrochen werden müssen, damit das Buch geöffnet werden kann. Unter anderem werden die apokalyptischen Reiter, die Tod und Verderben bringen, freigelassen.

Folgen Sie der Mittelachse nach oben, finden Sie eine Frauenfigur, die wie eine Nonne gekleidet ist und einen Schleier trägt. Einen Hinweis darauf, dass es sich um Maria, die Mutter Gottes handelt, erhält der Betrachter durch die Rosen, die zu ihren Füßen liegen. Rosen sind - neben Lilien - typisch für Maria. Natürlich steht sie, die Tröstende und den Leidenden Zugewandte, im Mittelpunkt, schon weil die Basilika ja ihr geweiht ist.

Über Maria schwebt Christus. Er ist auferstanden und fordert die Menschen auf, zum Gericht zu kommen. Sein Schultertuch ist mit einer Brosche geschlossen, auf der die griechischen Buchstaben Alpha und Omega stehen - als Zeichen, dass mit Christus alles beginnt und alles endet. Über dem Erlöser ist nur noch die heilige Dreieinigkeit aus Gottvater, Sohn und Heiligem Geist. Bert Gerresheim stellt sie als drei Köpfe, in ein inniges Gespräch vertieft, dar. Sie sind in ein einziges Tuch gebettet.

Die Menschen, die zum Gericht streben, sind unterschiedlich lange tot. Es dauert deswegen unterschiedliche lange, bis auf den Knochen auch wieder Fleisch erscheint. Eva, die Urmutter aller Menschen, befindet sich ganz unten auf der langen linken Fensterbahn. Sie zeigt ihre bereits wieder vollen Brüste. Ihr Gesicht ist noch ein Totenschädel. In ihrer rechten Hand hält sie immer noch den Apfel.

Der Künstler Bert Gerresheim hat insgesamt 260 Figuren für dieses Relief geschaffen. Viele davon – von Michelangelo bis Kardinal Meissner sind identifizierbar. Die Liste ganz durchzugehen dauert viel zu lange. Aber ein paar Versuche sollten Sie schon machen. Wie wäre es mit der Person in der zweiten Bahn von rechts schräg rechts unterhalb der Marienfigur? Unter einer stehenden Personengruppe beugt sich dort eine alte Frau Hilfsbedürftigen entgegen: Mutter Theresa.

Aber weil es zum jüngsten Gericht geht, sind nicht nur gute Menschen und Heilige abgebildet, sondern auch die Bösen und die Verbrecher.

Ganz wie es Tradition auf Abbildungen vom Weltgericht ist, treffen sich die Bösen eher zur Linken Gottes, für den Betrachter also auf der rechten Seite. Etwa auf Höhe der Buchsiegel befinden sich in dem Feld ganz rechts Joseph Stalin, Adolf Hitler, Benito Mussolini und Osama bin Laden. Nur wer ein Fernglas hat, kann erkennen, welches "Haustier" Bert Gerresheim den Diktatoren beigefügt hat: zwischen Hitler und Mussolini sitzt eine fette, gekrönte Ratte.

Ratten, die Boten der Pest, sind überhaupt die einzigen Tiere, die außer einer Schlange und den apokalyptischen Pferden vorkommen. Es sind zwei Ratten, die auf der Bildbahn rechts außen, über der Figur mit der Augenklappe und dem Piratenkopftuch eine Hand umrahmen. Diese Hand trägt das Siegel des Bildhauers: Bert Gerresheim. Auch wenn diese Darstellung in einigen Punkten traditionellen Vorbildern an Kathedralen aus romanischer oder gotischer Zeit folgt, hat der Künstler auf eines verzichtet: Er hat sich nicht selbst ins Bild gesetzt.

Mindestens einer der Stifter hat aber eine besondere Widmung bekommen: eine Hand, die aus dem Fenster ganz unten rechts hervorragt, hält ein spezielles Fläschchen. Es ist die traditionelle Verpackung eines in Rheinberg produzierten bekannten Kräuterschnapses.


Sprecher: Wolfgang Reinke
Autorin: Dr. Ingrid Schupetta
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Weiterlesen:
Bert Gerresheim, Kevelaerer Apokalypse, Kevelaer 2003.