Der gefallene Krieger von Ewald Mataré in Kleve

Vor der Stiftskirche in Kleve, an der Nordseite, befindet sich eine große Skulptur aus dunklem Basalt. Zu erkennen ist ein Mann, der ausgestreckt auf seiner rechten Seite liegt. Er ist wesentlich größer als ein wirklicher Mensch. Es fällt auf, dass der Körper in sich eine Kleinigkeit gedreht ist und so wirkt, als ob er leicht nach hinten kippen könnte. Hals und Schulter ruhen auf einer Art Keilkissen. Der Kopf ist stark nach unten abgeknickt. So unbequem würde sich kein lebendiger Mensch hinlegen.

Das Abbild des offensichtlich Toten trägt keine Waffen, aber die einfache Uniform der Frontsoldaten des Ersten Weltkrieges — jedoch ohne Rangabzeichen. In der Brust befindet sich eine Art Einschussloch, das mit hellem Kunststoff versiegelt ist. Man kann nicht überprüfen, ob sich darin noch immer eine vor Jahren eingelassene Kapsel mit einem Eisernen Kreuz und ein Blatt mit Zeilen aus dem Gedicht "Germanien" von Friedrich Hölderlin befindet:

O nenne Tochter du der heiligen Erd’
Einmal die Mutter. Es rauschen die Wasser am Fels
Und Wetter im Wald und bei dem Namen derselben
Tönt auf aus alter Zeit Vergangengöttliches wieder.
[…]

Ein weiteres Anzeichen, dass es sich um einen Krieger gehandelt haben könnte, ist die steinerne Fahne, eine Standarte. Die Fahnenstange liegt dem Toten im rechten Arm. Die Fahne selbst ist über den gesamten Körper gelegt. Aus dem Stoff der Fahne hervorgehoben ist ein Adler. Der Adler ist seit dem Mittelalter das Symboltier der Deutschen. Bei der Skulptur handelt es sich also wahrscheinlich um eine Darstellung eines toten deutschen Soldaten.

Tatsächlich war die Figur ursprünglich Teil eines Kriegerdenkmals, das an die Toten des Ersten Weltkrieges erinnern sollte. Den Auftrag zu der Plastik hatte Prof. Ewald Mataré, der damals Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf war, im Rahmen eines Wettbewerbs im Oktober 1933 erhalten. Das war das Jahr, in dem auch am Niederrhein die Nationalsozialisten die Macht übernahmen.

In Kleve hatte sich der erste Nazi-Bürgermeister für ein lang geplantes Kriegerdenkmal stark gemacht. Da dafür aber kein Geld in der Stadtkasse vorhanden war, sammelte er Spenden. Den Mitarbeitern der Stadt wurden 120 Mark für das Ehrenmal einfach vom Gehalt abgezogen, ob sie nun wollten oder nicht. Als der Bürgermeister unter ähnlichem Zwang Gelder aus der Wirtschaft einsammeln wollte, wurde er im Dezember 1933 wieder abgesetzt. Das ging damals nach dem Führerprinzip ganz ohne Diskussion und Abstimmung.

So fiel seinem direkten Nachfolger namens Puff die Ehre der Einweihung im Oktober 1934 zu. Bei der so genannten Weihestunde war die Skulptur zeitgemäß in eine Hakenkreuzfahne gehüllt und von SA- und SS-Männern flankiert. Der erste Standort des Kriegerdenkmals war ein neu eingerichteter Festplatz an der Ringstraße, damals Hermann-Göring-Straße. Die Skulptur war Teil einer größeren Anlage. Man sah sie auch nicht auf dem Boden -wie heute-, sondern blickte zu ihr auf. Sie lag auf einem großen Podest und einem zusätzlichen Sockel.

Vielen Klevern gefiel das neue Ehrenmal nicht. Der waffenlose Krieger war kein Held, sondern ein Opfer. Sie hätten gerne etwas gehabt, was mehr dem damals üblichen entsprach oder vielleicht doch einen Trostspender im religiösen Sinne. Das bot das Kriegerdenkmal von Ewald Mataré nicht. Der Tote hat zwar keine Verletzungen, die ihn entstellen, er ist einfach nur tot.

Zusätzliche Argumente gewannen die Kritiker des Denkmals dadurch, dass der beauftragte Künstler inzwischen als Professor entlassen worden war. Seine Kunst galt als nicht der deutschen Art entsprechend. Der Nachfolger von Bürgermeister Puff ließ den Mataré-Gefallenen im Mai 1938 abbauen. Einzelne Teile wurden deponiert, andere verscharrt.

Erst lange nach dem Krieg wurde gezielt nach den Bruchstücken gesucht. Erfreulicherweise war soviel erhalten geblieben, dass die Figur 1981 wieder zusammengesetzt werden konnte. Nach einigen Jahren im Freien fallen die ergänzten Stellen heute nicht mehr auf.

Der Gefallene bekam außerdem den neuen Standort, an dem Sie ihn jetzt sehen. 1984 wurden die beiden Bronzetafeln zugefügt. Eine zitiert eine Stelle aus der Bibel und stellt das Totengedenken in einen christlichen Zusammenhang. Die andere verweist auf die Geschichte der Skulptur und macht sie zu einem Zeichen gegen Unrecht und Gewalt.

Seit 2001 muss der gefallene Krieger sich den Platz mit einem "Narrenbrunnen" der Bildhauerin Anette Mürdter teilen. Er erinnert an die 600-jährige närrische Tradition der Stadt Kleve.

Der tote Krieger und die sich anspuckenden Narren in unmittelbarer Nachbarschaft, das hätte vor einigen Jahren bestimmt heftige Proteste gegeben. Inzwischen sind die Weltkriege Geschichte. Die Toten sind keine Menschen aus der Familie, der Nachbarschaft oder dem Freundeskreis mehr.

Hat das Gedenken damit seinen Sinn verloren?

Oder ist das typisch niederrheinisch, wo Kirchhof und Karneval so merkwürdig nahe beieinander liegen?

Sprecher: Wolfgang Reinke
Autorin: Dr. Ingrid Schupetta
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Weiterlesen:
Ewald Mataré. Der „Tote Krieger“ in Kleve (Katalog), Kleve 1985.