Zum Lebenslauf von Joseph Beuys bis 1959
Als Joseph Beuys 1957 den Auftrag für die Kriegergedächtnisstätte der Gemeinde Büderich bekam, war er 37 Jahre alt und noch so gut wie unbekannt. Die anschließenden Jahre von 1958 bis 1964 wurden für Beuys eine sehr wichtige Zeit. Ende der 1950er-Jahre entwickelte er sich vom Meisterschüler an der Düsseldorfer Kunstakademie zu einer weltweit berühmten Künstlerpersönlichkeit.
Joseph Beuys wurde 1921 in Krefeld geboren. Er wuchs als einziges Kind seiner Eltern in Kleve auf. Das geistige Umfeld war katholisch geprägt. Berichte bezeugen, dass schon der junge Beuys sich sehr für die Natur und die Naturwissenschaften interessierte. Die nordischen Mythen, die nach 1933 verstärkt Thema im Schulunterricht wurden, soll er als besonders faszinierend empfunden haben. Der Schüler Beuys wurde Mitglied der Hitlerjugend. Mit seiner Gruppe nahm er 1935 an dem Nazi-Parteitag in Nürnberg teil. Gefeiert wurde dort die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht in Deutschland.
Trotzdem war der Knabe wohl kein gänzlich angepasster Hitler-Junge. Nach eigener Aussage rettete er aus einem Stapel verbotener Bücher einen Bildband mit Skulpturen des Bildhauers Wilhelm Lehmbruck. Die Werke Lehmbrucks galten damals als "entartet" und durften in deutschen Museen nicht gezeigt werden. Joseph Beuys soll trotzdem so beeindruckt gewesen sein, dass er ein Bildhauer wie Wilhelm Lehmbruck werden wollte.
Ein Jahr vor dem Abitur lief Beuys von zu Hause fort. Er zog mit einem Wanderzirkus durch die Gegend. Der Vater ließ ihn aufspüren und drohte, dass der Sohn seinen Lebensunterhalt ab sofort eigenhändig in einer Margarinefabrik verdienen könne. Letztlich waren die Erziehungsberechtigten jedoch gnädig. Beuys konnte 1940 sein Abitur machen. Inzwischen hatten die Deutschen den 2. Weltkrieg provoziert.
Wie alle nicht-jüdischen jungen Männer seines Jahrgangs musste Joseph Beuys deswegen gleich nach der Schule Soldat werden. Er meldete sich "freiwillig" zur Luftwaffe. Wer sich freiwillig meldete, durfte die Waffengattung aussuchen. Als Abiturient hatte er außerdem gute Aussichten auf eine Karriere beim Militär.
Die Soldatenzeit begann für Beuys mit einer Ausbildung als Funker in Posen. Diese polnische Stadt war 1939 gleich zu Kriegsbeginn von den Deutschen in Besitz genommen worden. Wer Widerstand leistete, wurde eingesperrt. Die Deutschen machten aus einer alten Festungsanlage, dem Fort VII, ein Konzentrationslager. Bis zur Befreiung durch die Rote Arme starben hier 20 000 überwiegend polnische Menschen.
Der künftige Funker Beuys hatte in Posen Gelegenheit, Vorlesungen über Biologie, Zoologie und Geografie an der nunmehr deutschen Universität zu besuchen. Der Ausbildung zum Funker folgte eine als Bordschütze in einem Bomber. Bei einem Flug über der Krim stürzte das Flugzeug ab. Der Pilot starb, Beuys überlebte. Zeitlebens machte er daraus eine ganz wundersame Geschichte. Krimtataren – Nomaden - hätten ihn gerettet, in dem sie ihn mit Fett und Filz wärmten. Fett und Filz wurden in seiner Kunst Zeichen für Wärme und Leben.
Sicher ist, dass Einheimische einen deutschen Suchtrupp informierten, der den schwerverletzten Joseph Beuys in ein Lazarett brachte. Sein Schädelbruch musste operiert werden. Ein Loch wurde durch eine Silberplatte überdeckt. Weil ihm wegen des Metalls später leicht kalt am Kopf wurde, trug er gerne einen Hut, eines seiner Markenzeichen.
Trotz seiner ernsten Verletzungen war der Krieg für Joseph Beuys noch nicht vorbei. 1944 wurde er mit dem "Abzeichen für Fliegerschützen", mit dem "Eisernen Kreuz 2. Klasse" und mit dem "Eisernen Kreuz 1. Klasse" ausgezeichnet. Er erhielt außerdem das goldene Verwundetenabzeichen – und einige Verletzungen und Narben, die sein Leben lang nicht vollständig heilten. Nach den Kriterien von damals war der Angehörige der Luftwaffe allerdings ein Kriegsheld.
Nach dem Kriegsende, im April 1946, begann Joseph Beuys ein Studium an der Kunstakademie in Düsseldorf. Sein Fach war zunächst die Monumentalbildhauerei. Nach einem Wechsel zu Professor Ewald Mataré wurde er dessen Meisterschüler. Er arbeitete an mehreren Großaufträgen Matarés mit, so zum Beispiel an den Türmosaiken an der Südseite des Kölner Doms.
Nach abgeschlossenem Studium brauchte Beuys ein berufliches Tätigkeitsfeld. 1956 bereitete er einen Entwurf für ein Auschwitz-Mahnmal vor. Der Beuys-Entwurf konnte sich im Wettbewerb jedoch nicht durchsetzen. Möglicherweise wurde das von ihm benutzte Kreuz-Symbol für das Gedenken an jüdische Opfer nicht als passend empfunden. Teile des Entwurfes wurden 1968 unter der Bezeichnung "Auschwitz Demonstration“ " in den so genannten "Block Beuys"“ im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt integriert.
1957 hatte der nicht mehr ganz so junge Mann eine persönliche Krise. Eine Depression lähmte seine Schaffenskraft.
Das Gefallenenmahnmal in Büderich ist ein sichtbares Zeichen, dass Beuys die Krise überwand. Er hatte sich 1958 in seine Heimatstadt Kleve zurückgezogen und dort, im alten Friedrich-Wilhelm-Bad des Kurhauses Kleve, Räume für ein Atelier gemietet. Von der Herstellung der Stücke für Büderich in diesem Atelier gibt es eine ganze Fotoserie. Dort sieht man die Einzelteile des Mahnmals, bevor sie zusammengefügt wurden.
Auf dem Boden liegt die sanft geschwungene erlöste Figur. Sie mag im Gedenken an seine Kriegs-Kameraden entstanden sein. Bei seinen Fronteinsätzen hatte Joseph Beuys bestimmt viele Tote gesehen und war selbst nur knapp mit dem Leben davon gekommen. Hoffte er, dass die Kriegstoten auferstehen könnten?
Die abgerundeten Formen gerade dieser Skulptur erinnern noch sehr an seinen Lehrer Ewald Mataré. Dabei war das Verhältnis der beiden damals gerade recht schwierig. Beuys versuchte sich vom Einfluss des Lehrers zu lösen; Mataré ging auf Abstand zu Beuys. Er sprach sich gegen die Auftragsvergabe an seinen ehemaligen Schüler aus. Dass dessen Arbeit nun ausgerechnet in unmittelbarer Nachbarschaft von Matarés Atelier und Wohnhaus in der Dückerstraße aufgestellt wurde, kann ihn nicht gefreut haben.
Sprecher: Wolfgang Reinke Autorin: Dr. Ingrid Schupetta Dieser Text darf zu privaten Zwecken gerne kopiert werden. Zur Veröffentlichung an anderer Stelle ist das Einverständnis der Autorin einzuholen.
Weiterlesen: Natürlich gibt es 1001 Bücher über Joseph Beuys. Kurz und trotzdem gut verständlich ist die Biographie von Heiner Stachelhaus, die in verschiedenen Ausgaben erschienen ist. Es gibt sie auch als Hör-CD, gelesen von Friedrich Küppersbusch.
Die Bilder aus dem Atelier in Kleve sind außer im Internet in dem Katalog Gettlinger photographiert Beuys. 1950-1963, Köln 1990, zu finden.
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